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Freitag, 9. Juni 2017, 20.00 Uhr
THE AGE OF KRISTEN STEWART (5)
ON THE ROAD
Deutscher Titel: On the Road - Unterwegs

Deutscher Titel: On the Road - Unterwegs Roadmovie mit Sam Riley, Kristen Stewart, Garrett Hedlund, Amy Adams, Kirsten Dunst, Viggo Mortensen, Steve Buscemi
Chefkameramann: Éric Gautier
Musik: Gustavo Santaolalla, Charlie Haden
Drehbuch: José Rivera nach dem Roman von Jack Kerouac
Producer: Nathanael Karmitz, Charles Gillibert,
Rebecca Yeldham, Roman Coppola
Regie: Walter Salles
Frankreich / Brasilien 2011, 140 Min.
Englischsprachige Originalversion mit Untertiteln

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On the Road ist der Film nach dem semi-autobiografischen, in den späten Vierzigern spielenden Kultroman von Jack Kerouac (1922-1969), der Zentralfigur der Beat Generation in der amerikanischen Literatur. Regisseur Walter Salles (Die Reise des jungen Ché) läßt auf der Leinwand das Lebensgefühl der US- amerikanischen Nach-Weltkriegsgeneration auferstehen, führt familiäre, soziale und politische Spannungen vor und bringt dabei dem Kinobesucher auf höchstem erzählerischem Niveau die großen Fragen dieser Zeit wie Rassismus, Sexismus und Obrigkeitsdenken näher. ”Das Bild einer ganzen Generation - wild, lebendig und elektrisierend” (FBW).

Auf der Fahrt durch die Wüste: Kirsten Stewart, Garrett Hedlund, hinten Sam Riley

Das Ende ist herzzerreißend, einer der traurigsten Kinomomente der letzten Jahre. Dean Moriarty strolcht durch die abendlich kalten Straßen von New York, da sieht er plötzlich seinen Freund Sal Paradise aus einem Haus kommen und mit ein paar Frauen und Freunden zu einem Wagen am Straßenrand gehen. Dean ist eher abgerissen, Sal im eleganten Mantel. Dean ruft, Sal dreht sich um, bittet die anderen um einen Moment Geduld, kommt auf Dean zu. Sie stehen sich kurz gegenüber - sollen sie spontan gemeinsam losziehen, so wie sie es immer gemacht hatten viele Jahre lang... Aber Sal winkt ab, er muß zurück, los mit den anderen. Da ist ein trauriger Schimmer im Blick von Garrett Hedlund, der Dean spielt, traurig aber auch stolz, ein kräftiges Leuchten, das der Schleier der Müdigkeit nicht verdecken wird. Die gemeinsamen Lehr- und Wanderjahre sind unwiederbringlich zu Ende, und man weiß, daß diese alles waren, daß nun nichts mehr kommen wird.

Dean Moriarty, das ist der literarische Doppelgänger von Neal Cassady, dem Beat-Generation-Poeten, Sal Paradise ist Jack Kerouac, der ihre Geschichte erzählt hat in seinem Buch ”On the Road”, und die all der anderen Kumpel, von Allen Ginsberg bis William S. Burroughs. Unfilmbar, hieß es immer wieder von dem Buch, und so klang es denn auch in den Kritiken, als Walter Salles, der es trotzdem gewagt hatte, sein ”On the Road” auf dem Filmfestival in Cannes zu zeigen. Man fand’s zu soft und eklektisch, sehnte sich nach Wildheit, Anarchie, Leidenschaftlichkeit. Noch immer sieht die Filmkritik Literaturverfilmung als einen Transfer, bei dem möglichst wenig verschütt gehen darf.

Aufbruch und Ankommen bestimmen das Geschehen, in der zweiten Hälfte der Vierziger, dazwischen gibt es die Tage in den Autos auf den Fahrten überland, quer durch die amerikanischen Ebenen, auf Ladenflächen mit Landarbeitern, im Hudson mit der gemeinsamen Freundin Marylou. Eine Parodie des großen amerikanischen Drive der Pioniere. Rauchen, saufen, kiffen, ab und zu, an den Tankstellen ein wenig die Lebenshaltungskosten minimieren, wie Präsident Truman es fordert, in dem man aus den Zapfsäulen und Regalen klaut. Manchmal prostituiert man sich auch. Man vögelt, mal zu zweit, mal zu dritt im Bett, heiraten und dann gleich wieder die Scheidung, eine andere Frau heiraten, sie sitzen lassen mit dem kleinen Kind, später wieder zurück zu ihr. Und lesen, on the road, Joyce, Céline, Proust, und die Bücher weitergeben an die andern.


Männerfreundschaft: Sam Riley als Sal Paradise, Garrett Hedlund als Dean Moriarty

”On the Road” ist ein Kultbuch, vom Moment seiner Entstehung an, immer wieder sieht man Sal zum Stift greifen und besessen Eindrücke und Erlebnisse notieren. Für die erste Fassung hat Kerouac Papierbögen durch die Schreibmaschine gejagt und sie zu einer einzigen Rolle zusammengeklebt. 1978 hat Francis Coppola die Rechte am Buch erworben, da hat die Hippie- Generation in der Beat-Generation sich gefunden. Eine Zeitlang war dann Gus Van Sant als Regisseur im Gespräch, nun hat Coppolas Sohn Roman, mit Unterstützung des Vaters, produziert. Acht Jahre hat Walter Salles sich mit dem Buch beschäftigt, hat es am Ende geschafft, es gegen seinen eigenen Mythos zu verteidigen. Es ist ein cooler Film, nüchtern fast, und man spürt, es ist ein kühles Buch. Keine poetische Eruption, schon Kerouac hat acht Jahre daran gefeilt, bevor es 1957 - entschärft - erscheint. Kerouac selber wollte sein Buch unbedingt im Kino sehen. Und er hätte wohl keine Probleme gehabt, das Hinundher des Buches Hollywoods Sehnsucht nach gewisser Gradlinigkeit zu opfern. Er wußte um die Unterschiede zwischen Buch und Kino, don’t worry about structure. Ich flehe, daß Sie das Buch kaufen und einen Film daraus machen, begann sein berühmter Brief an Marlon Brando 1957. Er wollte Hollywood aufmischen, Brando sollte Moriarty spielen, er selber, Kerouac, den Sal Paradise. Das Kultbuch wurde ihm am Ende zuwider, er verfluchte es, haßte es.

Salles ist dem Kultrummel nicht verfallen. Seine Stars haben Jahre gewartet, bis die Produktion zustande kam. Kristen Stewart, die Marylou spielt, hat er gefragt, schon bevor sie mit der Twilight-Saga Weltstar wurde, Sam Riley, der Sal spielt, hatte er in ”Control” gesehen, wo er Ian Curtis von Joy Divsion spielte, Garrett Hedlund hat über Jahre andere Verpflichtungen abgestimmt mit dem Kerouac-Projekt.

Keine Verfilmung, es ist ein zirkulärer Film, um das Buch herum, seinen Wurzeln nachspürend. Jahrelang ist Salles die Routen aus dem Buch nachgefahren, hat die Gegenden mit Super-8 gefilmt, mit Überlebenden gesprochen aus der Zeit, einen Dokumentarfilm vorbereitet. Die ewige Faszination des amerikanischen Kinos, die Beziehungen zwischen dem Land und den Menschen, die es erobert, bebaut, verloren haben. So hat dieser Film auch mit dem Kino von James Benning zu tun, [...] er hat die Schauplätze von ”Easy Rider” wieder bereist, einem anderen Kultstück.

Es ist, wenn man den ganzen Beat-Generaton-Mythos wegnimmt, eine sehr amerikanische Geschichte. Amerikanischer Nachkrieg, die Gesellschaft ist auf der einen Seite irgendwie offen, destabilisiert, aber sie beginnt schon wieder sich zu schließen. In dieser Zwischenzeit rumoren die Träume der Jugend.

MacArthur, wird am Anfang gefrotzelt, hätte das Küssen verboten auf den Straßen von Tokio. Mit der Suche nach dem Vater, Kerouacs Suche, Kerouacs Vater, Kerouacs Klage beginnt der Film. Home I’ll never be... Nicht erst der Film, schon das Buch war auf der Suche nach einer verlorenen Zeit. Proust ist präsent auf diesem Trip, die ganze Zeit ”Swann’s Way”. Auf der Straße zur verlorenen Zeit.

Fritz Göttler:Süddeutsche Zeitung

Deans erste Frau Marylou (Kristen Stewart)

[...] Jetzt ist der Zauber wieder da, und es ist eine Sensation, daß ausgerechnet eine Verfilmung ihn zurückbringt - also eine Verwertungsform, die laut dem Wörterbuch der Gemeinplätze grundsätzlich schlechter ausfällt als die Vorlage.

Es klingt wie eine Unverschämtheit, aber in diesem Fall gilt das Gegenteil: ”On the Road”, produziert von Francis Ford Coppola und gedreht von Walter Salles, zeigt Kerouacs Roman, als sei er noch das unveröffentlichte Werk eines aufstrebenden Autors der frühen Fünfzigerjahre - und nicht jene abgegriffene Bibel der Beat-Generation, als die er unter den Nachgeborenen herumgereicht wird.

Seit seiner Veröffentlichung im Jahr 1957 gilt ”On the Road” als unverfilmbar -merkwürdig genug bei einem Roman, den sein Schöpfer als ”Bookmovie”, als ”Film in Worten”, umschrieben hat und der mit seiner Highway-Dramaturgie nicht nur ein paar Filme inspiriert, sondern das ganze Genre des Roadmovies geprägt hat. Aber Hollywood schien Angst zu haben vor dem Stoff, der die simpelste aller Handlungsformen, die Fortbewegung, zum alleinigen Motiv machte. [...]

Ein halbes Jahrhundert später aber ist ”On the Road” keine ziellose Reise durch den Raum mehr, sondern eine Odyssee in der Zeit. Das hat Salles erkannt. In ihrer Grobkörnigkeit und Dunkelheit wirkt seine Verfilmung wie eine Geschichtsdokumentation - und zugleich wie der Mitschnitt einer Gegenwart. Die rauchigen Kellerbars in Manhattan, der hektische Bebop im Hintergrund, die jungen Männer in ihren Holzfällerhemden und weißen Shirts - all das spielt in einer Welt, die nur deshalb so drastisch nah wirkt, weil sie so fern ist.

Natürlich lassen sich die Beatniks als modische Urtypen jener Hipster betrachten, die heute Brooklyn oder Berlin bevölkern. Aber es geht Salles nicht um die so beliebte Selbstspiegelung in der Ästhetik der Nachkriegsjahre, sondern um die sorgfältige Rekonstruktion einer historischen Frische, um eine Schwellenzeit, in der die Werke von Proust genauso lebenshungrig verschlungen wurden wie die Benzedrinkapseln aus der Apotheke.

Der Film legt diese Erfahrungen in einer Buchstäblichkeit frei, die im verkulteten Original längst verschüttet ist: Die amerikanischen Hinterlandschaften, die ”On the Road” in immer neuen Passagen durchkreuzt, lösen sich auf in beinahe abstrakten Texturen; in verwischten Horizontalen ziehen gelbe Felder, verschneite Weiden und naßglänzender Teer vorbei.


On the road quer durch Amerika: Sal (Sam Riley, l.), Dean (Garrett Hedlund, r.)

Nervosität und Neugier sind die Grundstimmung dieser Wiederentdeckung, und Sam Riley legt die Hauptfigur Sal so zurückhaltend an, daß man ganz vergißt, daß der junge Schriftsteller der Stellvertreter Jack Kerouacs auf Erden sein soll - ob er auf der Ladefläche eines Erntelastwagens seine Aufzeichnungen in den Schreibblock knallt, durch San Franzisko läuft und Kippen vom Boden aufsammelt oder einsam auf einer Matratze vor sich hin starrt, während sein Freund Dean im Nebenzimmer auf Drogen mit einer seiner Frauen schläft.

Sals Job in dieser seltsamen Männerfreundschaft, die alle Frauengeschichten überlagert, ist die Beobachtung, Dean übernimmt die Handlung - und Garrett Hedlund spielt den vagabundierenden Patriarchen im Zentrum des Romans so muskulös und ruhig, daß man eine Ahnung davon bekommt, wie sehr sich das Aussteigertum der Beatniks nach dem klassischen, einfachen und heldischen Amerika sehnte.

So redet Kristen Stewart als Deans erste Frau auf der Fahrt durch die Wüste von Arizona davon, daß sie nur ein Haus und ein Baby will - nachdem sie kurze Zeit vorher Fahrer und Beifahrer gleichzeitig mit der Hand bedient hat. Kirsten Dunst als Deans zweite Ehefrau bleibt dann tatsächlich in einer tristen Reihenhauswohnung mit dem schreienden Kind zurück.

In der Schlußszene zeigt ”On the Road”, wie Sal und Dean sich im Dezember 1951 zufällig auf einem Bürgersteig in Manhattan wiedersehen. Sal, der Schriftsteller, trägt einen schweren Wintermantel über dem Business-Anzug. Dean, der Abenteurer, steht ihm in kaputten Schuhen gegenüber, sein Blick ist glasig, die vorher so männliche Stimme zittert.

Es ist eine kalte und kurze Begegnung, nach dem knappen Wortwechsel läßt Sal seinen alten Gefährten in der Nacht stehen und steigt mit Freunden in eine Limousine. Er sieht aus, als könne er sofort einen Job als erfolgreicher Werbetexter in der Fernsehserie ”Mad Men” antreten. Stattdessen beginnt er zu Hause einen Roman niederzuschreiben, auf einer Rolle Endlospapier, ohne Schlaf, ohne Pause, ohne Absatz. Dieses Buch würde man gerne einmal lesen.

Andreas Rosenfelder: Die Welt