Nächster Film
Freitag, 22. September 2017, 18.15 und 20.30 Uhr
Jackie
Originalversion

Mit Natalie Portman, Peter Sarsgaard, Greta Gerwig, Richard E. Grant, Billy Crudup, John Hurt
Chefkameramann: Stéphane Fontaine
Musik: Mica Levi
Drehbuch: Noah Oppenheim
Producer: Juan de Dios Larraín, Darren Aronofsky, Mickey Liddell, Scott Franklin, Ari Handel
Regie: Pablo Larraín
USA 2015, 100 Min.
Originalversion mit Untertiteln

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Pablo Larraíns vielfach preisgekrönter Film rekonstruiert die Tage nach dem Attentat auf John F. Kennedy aus der Sicht der von Natalie Portman grandios gespielten Witwe und schafft so kein konventionelles Biopic, sondern einen bewegenden Diskurs über Trauer und Erschütterung.

Oscar-Preisträgerin Natalie Portman als Jackie Kennedy

Zu Beginn denkt man fast, ”Jackie” könnte ein gewöhnlicher Film sein, so ein Biopic eben. Wäre da nicht die Musik. Ein schräges Glissando zerrt die Streicher abwärts, während in Hyannis Port, Massachusetts, ein gelbes Auto vorfährt. Ein Mann steigt aus. Eine Frau öffnet ihm die Haustür. Es ist Natalie Portman, hier: Jackie Kennedy. Sie sieht aus, wie eine auf Jackie Kennedy gemachte Schauspielerin eben aussieht, spricht ihren ersten Satz, und augenblicklich ist klar: Das ist kein gewöhnlicher Film. ”Sie wissen, daß ich unser Gespräch redigieren werde, falls ich nicht sage, was ich meine”, sagt sie, ihr Akzent wie eine auf ein Cello gespannte Geigensaite; sie selbst: herrisch, gefaßt und verwundet. ”Bei allem gebotenen Respekt”, antwortet er, ”das ist unwahrscheinlich.”

Der Mann (Billy Crudup) ist Reporter für Life. Das Gespräch der beiden rahmt einen Film, geschrieben vom amerikanischen Autor Noah Oppenheim, der früher Fernsehjournalist war, inszeniert vom hochpolitischen chilenischen Filmemacher Pablo Larraín. Es ist weniger ein Biopic als ein vollkommen choreografiertes Taumeln in die Erinnerungen der Witwe John F. Kennedys kurz nach dessen Tod. Ein Versuch, sich einem Trauma anzunähern, das 1963 nicht nur Jacqueline Kennedy, sondern die Welt aufrührte. Zentrum des Traumas ist (als ein blinder Fleck im Auge des Sturmes) der Kopfschuß auf JFK, sind die Momente danach, in denen Jackie Kennedy den Kopf ihres Mannes im Schoß hält und versucht, die Gehirnmasse in seinem Schädel zu halten.

Um diesen Kern blättern sich die anderen Szenen des Films auf, ringen darum darzustellen, was fast undarstellbar ist: die Erschütterung des Geistes durch den plötzlichen und unwiderruflichen Verlust eines geliebten Menschen. Jackie weint, kommandiert, betäubt sich, ringt mit den politischen Konsequenzen, der Lust des Publikums am persönlichen Unglück Prominenter, je grausiger, desto besser. In ihren eigenen Worten: ”Ich weiß, was Sie suchen. Ich war selbst Reporterin. Sie wollen, daß ich das Geräusch der Kugel beschreibe, als sie in den Kopf meines Ehemannes einschlug.”

Die erste Kugel klang wie eine Fehlzündung, das ist bekannt. Blättert man in den Notizen, die während des wirklichen Interviews im November 1963, eine Woche nach JFKs Tod, entstanden (sie finden sich in der Bibliothek von www.jfklibrary.org), wiederholt sich in den Aufzeichnungen des Journalisten Theodore White zweimal eine Frage: ”Wie halten wir ihn am Leben?”


Auf dem Kostüm noch die Blutflecken vom Attentat in Dallas: Natalie Portman als Jackie

Auch der Spiegel im Flugzeug nach Dallas kommt im Film zweimal vor, einmal vor und einmal nach dem Attentat. Vor dem Attentat übt Jackie auf Spanisch eine Willkommensrede, nach dem Attentat wischt sie sich das Blut aus dem Gesicht. Im Moment des Mordes beginnt Jackies Kampf gegen die Räder der Geschichte. ”Wissen Sie, was ich von Geschichte halte?”, sagt sie. ”Ich habe mehr gelesen, als die Leute glauben, und was ich mich frage, ist: Wenn etwas niedergeschrieben wurde, ist es dann wahr?”

Für sie ist die daraus resultierende Frage: Kann ich eine andere Wirklichkeit erschaffen durch das, was ich erzähle? Das ist, was sie tut, als sie die Beerdigung zu inszenieren beginnt: Sie erlangt die Gewalt über ihr Leben zurück, indem sie es zu ihrer eigenen Geschichte modelliert. Eine Beerdigung wie die von Lincoln muß ihr Mann haben. Ein Grab wie das eines Königs. Eine Legende. Es ist damit auch die Geschichte einer Verweigerung, einer Auflehnung gegen die Zeit, den Tod, die politischen Konkurrenten ihres Mannes, die das Ganze am liebsten so schnell wie möglich hinter sich hätten. Aber sie weigert sich, den Hinterausgang zu nehmen, um der Presse auszuweichen. Weigert sich, ihr blutbespritztes Kleid zu wechseln, damit die Täter sehen, was sie getan haben.

Es gibt nur wenige Rückblenden in die Zeit vor dem Attentat, die wichtigste ist die Reinszenierung ihrer Führung durch das Weiße Haus am 14. Februar 1962. Das Team um Larraín hat darauf geachtet, die Fernsehbilder von damals exakt zu replizieren. Bis auf winzige Differenzen. Vergleicht man die beiden Touren, fällt ein Augenblick auf: Nach ihrer Begrüßung schaut Portmans Jackie in die Kamera und lächelt. Im Original hat die Präsidentengattin nicht gelächelt. Warum dieses Detail ändern, wenn Portman doch sogar die Atempausen Jackie Kennedys imitiert?


Natalie Portman, Billy Crudup (als Journalist)

Weil der Film eben nicht, wie gern behauptet, nur eine Wiedergängerinnen-Geschichte ist. Ja, Portman hat sich Jackies Akzent, ihre Körperhaltung, ihre Mimik haargenau angeeignet. Und ja, es ist ein Genuß, ihr zuzusehen. Man sieht fast nicht mehr Natalie Portman, die Jackie Kennedy darstellt, sondern Natalie Portman, die sich ein Stück Jackies einverleibt hat und wieder ausschwitzt. Wobei, sie schwitzt natürlich nicht. In den Sechzigern schwitzten First Ladys nicht. Aber wenn das alles wäre, hätte sie dafür keine Oscar-Nominierung verdient. Etwa nur den Dialekt einer berühmten Person perfekt zu imitieren, das wäre derselbe lahme Witz wie bei diesen unverständlicherweise gefeierten fotorealistischen Ölgemälden, deren einzige Qualität es ist, noch viel realer auszusehen als ein Foto. Ganz super gemacht. Aber niemand braucht das. Die wirklich beeindruckenden Stellen kommen später im Film, in der Darstellung der Züge von Kennedys Charakter, mit denen Portman sich als moderne Frau offenbar nicht identifizieren wollte: dem unterwürfigen Wunsch, doch bloß ”Jack” zufriedenzustellen, der sich als Selbsttäuschung entpuppt. [...].

Dann wäre da noch die Oscar-nominierte Musik. Mica Levis Orchester hält den Film zusammen, spukt, verheißt Unheil, tröstet. Ihr ist es zu verdanken, daß ”Jackie” nicht trotz allem verkitschend ist. Denn in gewisser Weise liegt es in der Natur des Genres, daß es verkitscht. Weil es immer Mythenbildung ist, selbst dann, wenn wie hier eher eine Dekonstruktion des Mythos vorgeführt wird. Der Falle, daß jede filmische Nacherzählung einer Biografie am Mythos baut, kann man kaum entgehen. Doch ”Jackie” ist nicht nur ein Film über die Konstruktion von Geschichte. Es ist ein Film, in dem erzählt wird, wie die Geschichte, die er erzählt, konstruiert wurde - und die Konstruktion zugleich fortsetzt. Und es ist ein Film über das, was jede Geschichte, und warum also nicht gerade im Kino, in ihren besten Momenten sein kann: das Aufbegehren des Menschen gegen den Tod durch die Macht der Erzählung.

Juliane Liebert: Süddeutsche Zeitung

Jackie mit ihren Kindern, daneben Bob Kennedy (Peter Sarsgaard)

It’s the incongruity of the Jackie Kennedy story told in Pablo Larrain’s Jackie that makes the film so compelling. She is the immaculately dressed and coiffed ”first lady” who ends up with her dying husband’s blood and brains in her lap, trying (as she puts it) to ”hold his head together”. This isn’t the typical Hollywood biopic which gives us the whole course of its subject’s life, from soup to nuts, birth to death. The film has a very narrow focus. It begins a week after the assassination of John F. Kennedy. A journalist, Theodore H. White (Billy Crudup), turns up at the Kennedy home in Massachusetts to interview Jackie for LIFE magazine. Over the course of the interview, she talks very frankly off the record about the death. There are flashbacks to the events in Dallas but also to a ”tour of the White House” programme that Jackie presented on American TV in 1961 and to the build up to JFK’s funeral.

Natalie Portman gives a very fine, very mannered, performance as Jackie. She has a slight lisp and her teeth are pointed. Everything about her is contradictory. She is calculating but impulsive. One moment, she’ll seem like a breathless debutante, the next like a character from a Greek tragedy. She’ll speak in blandishments but then she will say something that will startle White with either its bitterness or profundity. ”I am not going to let you publish that,” she tells him whenever she says anything too acerbic. There is always a cigarette in her fingers, but she warns White, as far as his readers are concerned, she doesn’t smoke.

However, that’s precisely what makes Jackie’s point of view so fascinating. She is the cynosure. The people around her in the White House, whether Bobby Kennedy (a furrowed looking and permanently frowning Peter Sarsgaard) or the new President, Lyndon B Johnson (John Carroll Lynch), are minor characters by comparison. Every other performance, whether by Greta Gerwig as her social secretary or of John Hurt as the worldly-wise Irish priest Father Richard McSorley, seems pale next to that of Portman.

It could have seemed presumptuous for a Chilean director like Larrain to tackle such quintessentially American fare. He’s working here from a screenplay by Noah Oppenheim, best known for writing the first episode in the Divergent series of teen films. However, Larrain eschews all typical melodramatic conventions and comes up with a film that feels fresh and original. Many other films have been set in and around the world of Washington DC but few have been as idiosyncratic as this. Larrain strains out most of the politics. We hear in passing about the burning issues and incidents of Kennedy’s presidency - civil rights, the Bay of Pigs, the Vietnam war - but Larrain never becomes distracted from his main preoccupation, which is with Jackie herself. ”You were mother to all of us and that is a very good story,” the journalist tells her after finally stumbling on the angle which he thinks will make his article work. [...]

Geoffrey Macnab: The Independent

Auszeichnungen (Auswahl):

Auszeichnungen (Auswahl): Oscar-, Golden-Globe- und Bafta-Nominierungen für die beste Darstellerin; Preis der Broadcast Film Critics Association für die beste Darstellerin; Hollywood Film Award für ”Actress of the Year” (jeweils für Portman); Oscar-Nominierungen für Musik und Kostümdesign; Preis für das beste Drehbuch bei der Biennale in Venedig.