Nächster Film
Freitag, 5. Mai 2017, 20.00 Uhr
Verkannte Filme / Underrated Movies
AMERICAN HONEY
Deutscher Titel: American Honey

Roadmovie mit Sasha Lane, Shia LaBeouf, Riley Keough
Chefkameramann: Robbie Ryan
Producer: Lars Knudsen, Jay Van Hoy, Pouya Shahbazian, Alice Weinberg, Thomas Benski, Lucas Ochoa
Drehbuch, Regie: Andrea Arnold
Großbritannien 2015, 157 Min.
Erstaufführung der Originalversion (mit Untertiteln)

Programmheft als PDF herunterladen

American Honey ist das preisgekrönte Roadmovie über die Kinder eines neuen Amerikas. Eine Gruppe Jugendlicher reist als ”Abo- Drücker” im Minibus durch den Mittleren Westen, zugleich unter ökonomischem Druck und auf der Suche nach der großen Freiheit. Der Film besitzt trotz eines mäandernden Erzählflusses eine wunderbare Direktheit. Das liegt nicht zuletzt an den meist unerfahrenen Darstellern, besonders der im Mittelpunkt stehenden, 18-jährigen Sasha Lane in ihrer ersten Rolle. American Honey ist der vierte Spielfilm der renommierten britischen Autorenfilmerin Andrea Arnold, von denen drei in Cannes von der Jury ausgezeichnet wurden (Red Road, FishTank und 2016 American Honey).

Sasha Lane ist eine Entdeckung und der Star in diesem Film und heißt auch so: Star.

Das Verkaufen von Tür zu Tür mag in Zeiten der Drohnen und des Internets ein wenig unzeitgemäß scheinen. Aber es gibt nun einmal immer noch Produkte, die ohne persönliche Ansprache kaum über ihre engste Zielgruppe hinausgelangen würden. Eine Zeitschrift über Paläo-Diät zum Beispiel. Wer würde so was schon kaufen, geschweige denn abonnieren? Selbst Jake und Star, zwei junge Handelsreisende, bieten dieses Magazin nur im Paket mit anderen an (Fitneß paßt gut dazu). Und sie würden vermutlich kaum auf ihre täglichen Quoten kommen, hätten sie nicht immer auch eine rührselige Geschichte auf Lager.

Es sind ganz eindeutig in mehrfacher Hinsicht die Ränder der amerikanischen Gesellschaft (und des Geschäftslebens), die Andrea Arnold in ihrem Film ”American Honey” in den Blick nimmt. Zeitschriften, die von vornherein nicht dazu angetan sind, daß sie jemand wirklich liest, das ist eine logische Konsequenz aus einem einst ehrwürdigen Gewerbe, das Staubsauger, Versicherungen und Prachtbibeln unter die Leute brachte - und den amerikanischen Mythos, daß Verkaufszahlen das Seelenheil meßbar machen. Von einem Film wie ”Salesman” (1968), dem Direct-Cinema-Klassiker über Männer, die Gottes Wort mit Goldprägung loswerden wollten, ist ”American Honey” allerdings weit entfernt. Denn die jungen Leute, die hier in einer Art Brigade über Land fahren, sind eine wilde Schar, und sie feuern sich vor dem Einsatz mit fetten Beats an. Die Motivationshymnen kommen aus dem Hiphop, und mit ihren Piercings und Tattoos, mit ihren störrischen Frisuren und ihrem Fetzenlook fallen sie in den Suburbs, in die sie ausschwärmen, eher negativ auf.

”American Honey” ist ein Roadmovie, das sich immer wieder in das Land der Wassersprinkler und der Vorgärten wagt. Aber die eigentliche Domäne sind die Parkplätze, die Supermärkte, die Motels. Auf einem Parkplatz stößt zu Beginn auch Star zu dieser Gruppe: ein afroamerikanisches Mädchen, gerade 18 Jahre alt und ungebunden in fast jeder Hinsicht. Ihr Einstellungsgespräch ist ein Flirt. Jake, der beste Verkäufer, und, wie sich später herausstellt, auch der Geliebte der Gruppenleiterin Krystal, albert mit Star an einer Supermarktkasse herum. Er vermittelt ein Gefühl von Freiheit. Die Hierarchien in der Gruppe, das fragile Gleichgewicht zwischen jungen Leuten, die alle eher Sorgenkindheiten gehabt haben dürften, das alles wird Star erst allmählich auffallen. Und auch das Regime, das Krystal dem Trupp auferlegt, ist nicht ohne. Doch das alles ist zu Beginn noch keine Frage in einem Film, der auf eine faszinierende Weise konsequent offen ist - ständig ist im Grunde alles möglich, die Protagonisten selbst sind in erster Linie unberechenbar, auch füreinander.


Riley Keough als Krystal (vorne) und Hollywood-Superstar Shia LaBeouf (als Jake)

Daß Jake von dem jungen Hollywood-Superstar Shia LaBeouf gespielt wird, eher nur kokett verunstaltet durch ein Piercing an der Augenbraue, trägt sicher auch dazu bei, daß Star sich der Gruppe anschließt. LaBeouf ist der einzig wirklich bekannte Name in einem Ensemble, das ansonsten aus Darstellern besteht, die hier zum Teil debütieren. Sasha Lane spielt Star in ihrer ersten Filmrolle mit einer intuitiven Energie, der jegliches professionelle Training wohl abträglich wäre. Sie ist eine Entdeckung, und gerade aus dieser Spannung zwischen LaBeouf, der hier, wie schon in ”Nymphomaniac”, seinen Blockbuster-Ruhm aus ”Transformers” aufs Spiel setzt, und der ”naturwüchsigen” Sasha Lane macht Andrea Arnold eine Menge.

Der vierte Film ist ihr wagemutigster, und das will etwas heißen bei einer Regisseurin, die zuletzt eine eigenwillige Adaptation des viktorianischen Klassikers ”Wuthering Heights” vorgelegt hat, mit einem schwarzen Heathcliff. ”American Honey” geht ins Risiko nicht nur der beträchtlichen Länge wegen (160 unvorhersehbare Minuten), sondern vor allem wegen der konsequent auf Augenhöhe mit den jungen Leuten bleibenden Perspektive: In dem Maß, in dem Jake und Star und Krystal und die anderen sich selbst ein Rätsel bleiben, das sie trotzig überspielen, ist ”American Honey” ein Film, der ständig Haken schlägt, der eher an Stimmungen interessiert ist als an Erfahrungen, der sich auf diese Weise immer wieder ganz großartig verliert.

Beim Verkaufen sind Jake und Star auf jeden Fall kein gutes Team. Das hat vor allem damit zu tun, daß Star nicht mitmacht, wenn Jake seine Show abzieht. In einer tollen Szene dringen die beiden an einer überrumpelten Frau vorbei in ein typisches amerikanisches Eigenheim vor und kommunizieren, während Jake den Katalog feilhält, vor allem wortlos mit der Teenagertochter, die hinter dem Fensterglas im Garten mit einer Freundin tanzt. Es ist ein unverhohlen sexueller Akt, den die beiden Gäste auslösen und bei dem sie, auf eine ebenso präzise wie lose choreographierte Weise, auch mitmachen - die Mutter versteht gerade so viel, daß sie in Panik gerät und die beiden angeblichen Studenten vor die Tür setzt.

Es gab im Independentkino immer wieder Regisseure, die auf möglichst ungeschützte Weise das Lebensgefühl der Adoleszenz einzufangen versuchten. Teenager entziehen sich; wer von ihnen erzählt, läuft schnell Gefahr, sich ausbeuterisch oder spekulativ einzumischen. ”Kids” von Larry Clark oder ”Drugstore Cowboy” von Gus Van Sant sind Beispiele für solche Gratwanderungen, denen gegenüber Andrea Arnold eher den Eindruck erweckt, daß sie die prekären Aspekte offensiv ins Visier nimmt.


Die Drückerkolonne auf Roadtrip durch Amerika

Wenn Star mit drei Rednecks mitgeht, um sie bei einer anzüglichen Poolparty mit viel Alkohol zu einer Unterschrift zu bewegen, dann ist das schon hart am Rande der Prostitution, und später wird auf einem Ölfeld diese Grenze auch überschritten. Rihannas Hymne ”We Found Love” ist da ein mehr als zweideutiges Signal, dem aber letztlich abzulesen ist, warum ”American Honey” nicht der effekthaschende Teensploitation-Film ist, als der er in Cannes vielfach gesehen - und abgelehnt wurde. Die Frage für eine ”verlorene” Generation, wie sie Star vertritt, die zu Beginn noch in Mülltonnen gewühlt hatte, ist ja genau die, welchen Ort sie in einer Welt finden können, die ihnen häufig nur noch in Form der Kulturindustrie gegenübertritt. Das Autoradio ist das letzte Medium der Freiheit, das aber, wie auch die Lebensform der fahrenden Verkäufer, letztlich klarmacht, daß man an die Hits nicht anders gekettet ist als an die Träume, von denen man sich nie sicher sein kann, ob es die eigenen sind.

”American Honey” ist ein Film, der aus der Bedrängnis einer marginalisierten amerikanischen Jugend die Flucht nach vorn antritt, bis zu einem großen, mythischen Bild, in dem Star sogar noch so etwas wie ihr Totemtier trifft - spätnachts oder früh am Morgen, je nachdem, wie man es sehen will, wenn man das prinzipielle Doppelgesicht einer Wirklichkeit zu akzeptieren bereit ist, die keinen Naturzustand mehr hergibt. Oder wenn, dann nur auf der anderen Seite einer Bewegung ohne Ziel.

Bert Rebhandl: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

McCaul Lombardi als Corey: Nothing to loose ...

[...] In American Honey, Andrea Arnold (Fish Tank, Red Road) creates a lyrical story set on America’s highways, with echoes of Malick and Van Sant. But the British director brings an outsider’s delight to observing the people. Whether it’s Star, Jake, one of the oft-revolving mag crew, or their reclusive boss Krystal (Riley Keough, here, an imperious presence with porn-star glamour), Arnold clearly loves her characters’ contradictory rough-edged tenderness. And as in her early short Wasp, she sharply observes the socio-economic divides of the country. In an expansive three hours, American Honey offers scale and space to get to know its central character, the intimacy fostered by Arnold and her long-time cinematographer Robbie Ryan with their regular 4:3 camera ratio. And what a central character: Lane’s Star is spellbinding at the heart of the film - sensual, defiant, forming unexpected allegiances with the strangers she meets on the road, and offering an almost transcendental moment of hope in the movie’s exquisite last shot. American Honey is as epic as Steinbeck’s portraits of America, but ultimately more full of joy - and with a seriously banging soundtrack.

TriciaTuttle: London Film Festival

Auszeichnungen (Auswahl):

Preis der Jury beim Festival in Cannes; British Independent Film Award in den Kategorien Bester britischer Independentfilm, Regie, Darstellerin (Sasha Lane) und Kamera; Premio Cinemex beim Boja Film Festival, Mexiko; Ensemblepreis bei der Atlanta Film Critics Society und dem Florida Film Critics Circle; Black Reel Award als Outstanding Independent Feature; Fipresci-Kritikerpreis beim Stockholm Film Festival; Adrienne Shelly Award beim Women Film Critics Circle; Kamerapreis beim European Film Festival in Sevilla; Nominierungen für den amerikanischen Film Independent Spirit Award in den Kategorien Bester Spielfilm, Regie, Hauptdarstellerin (Sasha Lane), Nebendarstellerin (Riley Keough), Nebendarsteller (Shia LaBeouf) und Kamera; Platz fünf bei der internationalen Kritikerumfrage der Zeitschrift Sight & Sound, London, nach den besten Filmen 2016; Platz zwei bei der epd-Film-Leserumfrage nach den besten ausländischen Filmen 2016; FBW-Prädikat Besonders wertvoll.