Nächster Film
Dienstag, 27. September 2016, 18.15 und 20.30 Uhr
Deutsche Kinopremiere
INGRID BERGMAN - IN HER OWN WORDS
Deutscher TV-Titel: Ich bin Ingrid Bergman
Dokumentarfilm mit Isabella Rossellini, Ingrid Rossellini, Pia Lindström, Roberto Rossellini; Stimme: Alicia Vikander
Chefkameramann: Malin Korkeasalo
Komponist: Michael Nyman
Producer: Stina Gardell
Regie: Stig Björkman
Schweden 2014, 115 Min.
Internationale Originalversion mit englischen Untertiteln

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Ingrid Bergman galt als eine der begabtesten Schauspielerinnen Hollywoods. Siebenmal war sie für einen Oscar nominiert, drei Statuen gingen in ihren Besitz über, und ihre Auftritte bleiben unvergessen. Schauspielen war ihre Leidenschaft. Doch als Tochter eines Fotografen hat sie selbst schon früh die Kamera entdeckt, um ihr rastloses Leben festzuhalten. Ihre Tochter Isabella Rossellini öffnete für den Regisseur Stig Björkman das Privatarchiv ihrer Mutter. Viele Meter Film waren darin zu entdecken, aber auch Ingrid Bergmans Tagebücher, Briefe und Notizen. Mit Hilfe dieses Materials und den Interviews mit den vier Kindern und einigen weiteren Protagonisten erzählt der Film die Lebensgeschichte eines schwedischen Mädchens, aus dem eine der erfolgreichsten Schauspielerinnen des internationalen Films wurde. (wyd)

Ingrid Bergman mit den Kindern aus der Ehe mit Roberto Rossellini: Isabella, Isotta Ingrid und Roberto

Die gesammelten Erinnerungen der gebürtigen Schwedin sind ein Schatz, den der Dokumentarfilmer mit großer Sorgfalt erschlossen hat. Er läßt Ingrid Bergman für sich selber sprechen: ”In Her Own Words” heißt es in der Unterzeile des internationalen Titels. [...] Die Texte stammen größtenteils aus Tagebüchern, ergänzt durch archivierte Interviewpassagen, in denen Bergman Fragen nach ihrer Biografie beantwortet. Wo sich dabei Lücken ergeben haben, läßt der Filmemacher ihre Kinder zu Wort kommen.

Die Gespräche mit Pia Lindström sowie Roberto, Isabella und Ingrid Rossellini sind die einzigen neu gedrehten Passagen - teilweise auf Super 8 - der Großteil setzt sich ansonsten aus Filmausschnitten und sehr viel Amateurfilmmaterial zusammen.

Das meiste davon hat Ingrid Bergman persönlich aufgenommen. Hier ist der viel strapazierte Werbespruch vom ”nie gesehenen Archivmaterial” wahrlich nicht übertrieben. Björkman muß sich durch endlose Meter privater 16-mm-Aufnahmen gearbeitet haben. ”Wie alle Eltern”, erzählt Ingrid Rossellini in einer Einstellung, ”haben sie die Kinder immer und überall gefilmt.”


In Paris 1956, als die Bergman dort in Elena et les Hommes (Weiße Margeriten) spielte.

”Die Kinder” nehmen auch im fertigen Film einen großen Raum ein, wie auch in Bergmans Leben, immerhin hatte sie vier davon. Die Schwierigkeit, ein Leben für Film und Theater mit der Rolle als Mutter zu verbinden, zieht sich wie ein roter Faden durch das Porträt, begonnen mit der ersten Hollywood-Produktion, für die Ingrid Bergman als 23-jährige wenige Monate nach der Geburt der ersten Tochter Pia vor der Kamera stand.

Rückblickend zeigen sich die erwachsenen Sprößlinge sehr loyal; die Verletzungen, die sie durch die häufige Abwesenheit und durch die Scheidungen erlitten haben mögen, deuten sie nur an. Übereinstimmend beschreiben sie die Mutter dafür als warmherzigen, humorvollen Menschen.

Daß es Brüche in diesem Bild gibt, verschweigt der Film nicht, doch der Frau, die hier charakterisiert wird, kann man eigentlich nichts übelnehmen. Zu überzeugend ist der unerbittliche Drang zu spielen, das Wissen um das eigene Talent, zu spürbar der Freiheitswille und die Schwierigkeit, an einem Ort zur Ruhe zu kommen - und zugleich zu authentisch die Zuneigung und Zärtlichkeit, die sie gegenüber ihren Kindern, Männern und engen Freundinnen äußert.

Es ist eine große Stärke des Films, daß er nicht versucht, zu psychologisieren oder dem Erzählten eine narrative Logik überzustülpen. Nur die Nachkommen dürfen ab und zu mit Deutungsansätzen auftreten, die in dieser sparsamen Dosierung durchaus plausibel erscheinen. Der frühe Verlust der Eltern und Geschwister ist schon eine naheliegende Erklärung für den unbändigen Lebenshunger, den Ingrid Bergman bis zu ihrem Tod an den Tag gelegt hat.


Ingrid Bergman erstmals zu Dreharbeiten in England: Film Under Capricorn (Sklavin des Herzens) mit Regisseur Alfred Hitchcock 1948 am Südufer der Themse

Manche der Archiv-Fundstücke, die Björkman für seinen Film ausgewählt hat, sind kleine Juwelen. Die ersten Probeaufnahmen, die für den Film ”Intermezzo” gemacht wurden, produziert von Bergmans Mentor David O. Selznick, zeigen ein schönes junges Mädchen, das vor der Kamera posiert und dabei zugleich Schüchternheit und Entschlossenheit ausstrahlt. In diesen wenigen Augenblicken deutet sich ihr Talent so offensichtlich an, daß sofort klar wird, warum Hollywood diese Schauspielerin haben wollte.

Es ist berührend, diesem Gesicht bei seinem Reifeprozeß von der Kindheit bis ins Alter zuschauen zu können. Die vielen Home Movies zeigen die Diva ungeschminkt, sonnenverbrannt, in einer Nahbarkeit, die ein Gefühl der Nähe erzeugt. In gewisser Weise ist diese Nähe jedoch eine Falle, denn natürlich kann ein solcher Film nur die Oberfläche abbilden, umso mehr, als er seine Protagonistin selbst ihr Leben erzählen läßt - wir hören und sehen letztendlich nur das, was sie über sich preisgeben wollte. Isabella Rossellini illustriert das mit einer Anekdote: Sie habe nach dem Tod der Mutter mit großer Spannung deren Korrespondenz mit ihrer Freundin Irene Selznick gelesen, in der Hoffnung, Aufschlußreiches über das Leben dieser beiden starken Frauen zu erfahren. ”Stattdessen”, berichtet Rossellini ungläubig, ”stattdessen ging es die ganze Zeit nur um Kinder.”

Einen autobiografischen Film posthum - und damit automatisch fiktiv - zu schaffen, ist eine verantwortungsvolle Aufgabe, weil sich das Bild der porträtierten Person leicht verselbstständigen kann. Björkman hat mit viel Fingerspitzengefühl gearbeitet; in seiner Montage ist die Bewunderung für den Menschen Ingrid Bergman spürbar, sie entgleitet aber nicht in die Vergötterung. ”Wen sehe ich, wenn ich auf mein Leben zurückblicke? Was wird bleiben?” wird die Schauspielerin zu Beginn des Films zitiert. Was bleibt, ist die Dialektik eines Menschen, der sich nach einem Zuhause sehnte und zugleich immer wieder davor floh.

Franziska Schuster: Frankfurter Rundschau

Roberto Rossellini, Ingrid Bergman

Showcasing a veritable treasure trove of Ingrid Bergman’s never-before-seen home movies, personal letters and diary extracts, alongside archive footage and frank interviews with her four children, this documentary is very much a film about love: Bergman’s passion for film and theatre; her appetite for adventure; her magnificent and notorious romances; and her unconventional love for her family. Introduced to the camera at an early age by her beloved father, Bergman was incredibly adept at recording her life. As her adult years became ever more international, multicultural and perhaps even rootless, Bergman’s desire to record and preserve her experiences grew. This remarkable material paints a portrait of a strong, liberated, opinionated and accomplished woman, but also someone with a great sense of fun. This film is a wonderful testament to her as a pioneer, mother and icon.

Sarah Lutton: London Film Festival 2015