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Freitag, 28. Juni 2019, 20.00 Uhr
YOU WERE NEVER REALLY HERE
Internationaler Titel: A Beautiful Day

Drama mit Joaquin Phoenix, Judith Roberts, Ekaterina Samsonov, John Doman, Alex Manette
Chefkameramann: Tom Townend
Musik: Jonny Greenwood (Radiohead)
Producer: Pascal Caucheteux, Rosa Attab, James Wilson, Rebecca O’Brien, Lynne Ramsay
Drehbuch, Regie: Lynne Ramsay
Großbritannien 2017, 89 Min.

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Die Schottin Lynne Ramsay gilt als eine der talentiertesten Regisseurinnen der Gegenwart. Nicht wenige zählen Ramsay dafür zu den besten derzeit aktiven Filmemachern - männlich wie weiblich. Joaquin Phoenix spielt in ihrem jüngsten Film You Were Never Really Here - der 2017 in Cannes minutenlange Standing Ovations bekam - eine Art Söldner, einen innerlich zerrissenen Mann, der mit rücksichtslosen Methoden Kinder reicher, mächtiger Männer aus den Fängen von Menschenhändlern und Zuhältern befreit. Es ist Ramsays mit Abstand brachialster Film - wenn sich auch wie im Vorgänger die exzessive Gewalt fast immer außerhalb des Bildausschnitts abspielt. ”You Were Never Really Here ist eine erneute Meisterleistung und eine weitere Präzisierung ihres assoziativen Stils” (epd Film).

Beim Festival in Cannes mit dem Preis für den besten Darsteller ausgezeichnet: Joaquin Phoenix als Joe

Man könnte Lynne Ramsays neuen Film als eine Art Gegenentwurf zu ihrem letzten Werk We Need to Talk About Kevin aus dem Jahr 2010 lesen. Ging es darin um eine bürgerliche Familienidylle, in die das nicht erklärbare ”Böse” wortwörtlich hineingeboren wird, steht im Mittelpunkt von You Were Never Really Here ein Mann, der in einer desolaten Familie von Kindesbeinen an erst zu dem gemacht wurde, was er heute ist: ein zutiefst traumatisierter, gewalttätiger Soziopath. Joaquin Phoenix spielt diesen Mann mit dem Allerweltsnamen Joe als somnambul durchs Leben wandelnden Eigenbrötler. Die traumatischen Erinnerungen an seine Kindheit und seinen Militärdienst verdrängt er mit Tabletten. Seinen Lebensunterhalt verdient er als Killer. Bei seinem neuesten Auftrag befreit er die Tochter eines Politikers aus den Fängen eines Pädophilen-Rings. Allerdings lässt die Rache der einflussreichen Hintermänner nicht lange auf sich warten.


Joaquin Phoenix als Joe

Kombiniert man diese Storyline mit der Regisseurin Lynne Ramsay und dem Hauptdarsteller Joaquin Phoenix, erwartet man eine Art ”96 Hours” fürs Arthouse-Publikum. Tatsächlich lief You Were Never Really Here im Jahr 2017 im Wettbewerb von Cannes und gewann die Palmen für Drehbuch und Hauptdarsteller. Verdientermaßen, denn Ramsay und Phoenix treiben ein außergewöhnliches Spiel mit Genrekonventionen. Wohlgemerkt sind sie dabei trotz Anspielungen auf Klassiker wie Leon, der Profi und Point Blank weit weg von postmodernistischen Zitatmanierismen. Der Ansatz ist intelligenter und hintergründiger. Ramsay baut Erwartungen auf, um diese gezielt zu unterlaufen, etwa wenn sich größere Actionszenen ankündigen, die dann aber so nicht stattfinden - wenn überhaupt. Sie baut dramaturgische Irritationen ein und verweigert die genreüblichen, meist durch Gewalt erzielten Befriedigungen. Mord und Totschlag finden fast ausschließlich außerhalb des Kamerablicks statt; oder sie sind bereits passiert, wenn Ramsays exzellenter Cutter Joe Bini an den Ort des Geschehens schneidet. Allein Jonny Greenwoods Score, so gut er an vielen Stellen passt, behauptet manchmal eine dröhnende Dramatik, die der Film gar nicht bieten will.

Zu dieser Antihaltung passt auch, dass Joaquin Phoenix mit seinem langen, zerzausten Vollbart und dem manischen Blick zwar wie ein Cousin von Mel Gibson aussieht, aber nichts von dessen Virilität und Furor hat. Er ist kein ”Mad Max”, sondern ein vernarbtes Wrack, was in Ramsays fragmentarischer Erzählweise eine kluge Entsprechung findet. Immer wieder gibt es rätselhafte Flashbacks, die erst nach und nach Sinn ergeben. Die Ellipsenhaftigkeit der ungemein präzisen Inszenierung wie auch die Cadrage der Bilder werden Teil des Charakterporträts. Ramsay verschiebt den Fokus auf ungewohnte Weise hin zur reinen Beobachtung der Hauptfigur. Die Seelenqualen, die Todessehnsucht, die zärtliche Pflege der senilen Mutter nehmen auffallend viel Raum ein. Üblicherweise wären das klischeehafte, den Machismo grundierende Details. Hier werden sie zu Puzzleteilen eines verstörten Charakters.


Joe und sein Schützling, das Mädchen Nina: Joaquin Phoenix, Ekaterina Samsonov

Joes Waffe der Wahl ist ein Hammer, was beim Töten eine extreme physische Nähe und massive Krafteinwirkung erfordert. Logisch ist das nicht (wie so manches in der Geschichte), aber es passt zur archaischen Gleichgültigkeit des Charakters. Mit jedem Hieb scheint Joe eine genretypische Katharsis herbeiprügeln zu wollen, die aber nie kommt. So wirkt You Were Never Really Here am Ende wie das Vexierbild eines klassischen Genrefilms: Was üblicherweise die Konturen bildet, sticht hier plötzlich ins Zentrum der Wahrnehmung. Konventionen werden bedient und zugleich unterlaufen. Ramsay nimmt das Genre auf geradezu altmodische Weise ernst und schärft unseren Blick für Mechanismen, nicht auf didaktische, sondern auf eine höchst sinnliche Weise. Und sie gibt dem Subgenre des ”lonesome-professional”-Films etwas zurück, was er in der Liam-Neeson-Ära verloren hatte: eine finstere Poesie.

Kai Mihm: epd Film
A stunningly lean and intense avenger noir... a wholesale and exhilarating reimagining of genre. It’s a film that reworks the male- rescuer template as deftly as everything else it touches (Sight&Sound, London).

Joe sucht die Pflege der Mutter: Joaquin Phoenix, Judith Roberts

Joaquin Phoenix is simply stupendous in You Were Never Really Here. His performance is damn near flammable - dangerous if you get too close. What a team he makes with Scottish writer-director Lynne Ramsay, whose output is small but inarguably stunning (Ratcatcher, Movern Caller, We Need to Talk About Kevin). Working from a 2013 novel by Jonathan Ames, the actor and the filmmaker craft a fiercely brilliant drama that gets under your skin and makes it crawl.

Phoenix plays Joe, a war vet who supports himself and his ailing mom (Judith Roberts) by working as a hit man. Killing is taking its toll on Joe; his PTSD has been sparking suicidal urges. We see him leaning over railroad tracks or covering his head with a plastic bag, removing it only when it’s almost too late. His boss (The Wire’s John Doman) distracts him with a new assignment: rescue Nina (Ekaterina Samsonov), the 13-year-old daughter of Sen. Albert Votto (Alex Manette). She’s been kidnapped and forced to do the perverted bidding of rich pedophiles, and it’s Joe’s job to get Nina out of the heavily-guarded Manhattan brownstone where she’s being held. Our man’s preferred weapon of choice is a ball peen hammer. The senator urges him to be brutal.

That’s the setup, which suggests Taxi Driver mixed with standard thriller tropes that would derail a lesser film. Don’t be fooled by the familiar here: Ramsay goes her own way with a feverish originality that never trucks with the obvious. And Phoenix plumbs the violence of the mind with chilling authenticity. The actor has stated that the filmmaker gave him an audio file of fireworks mixed with gunshots to suggest what’s going on in Joe’s head. You can almost hear the noise, too, even when he’s silent.


Dreharbeiten: Joaquin Phoenix, mit Hut neben ihm Regisseurin Lynne Ramsay

All praise to Radiohead’s Jonny Greenwood (Phantom Thread, There Will Be Blood) for a thrilling score that blends its beats with the chaotic noise of the streets - a pulsating tempo that drives the plot forward. Ramsay refuses to revel in gore, preferring to show Joe in preparation for a kill or dealing with its aftermath. Yet it’s the sweet tenderness in Joe that comes a shock. His scenes with Nina, beautifully played by Samsonov, become a lifeline for Joe as darkness falls. In one astounding scene, Joe sits with a dying victim, gently singing along to Charlene’s ”I’ve Never Been to Me.”

The technique is expressionistic, even elliptical; cinematographer Thomas Townend know how to paint with light to tell the story, including flashbacks to the abuse Joe suffered as a child at hands of father - who also wielded a hammer to rage at the world. There’s no sentimentality in her approach, even when this antihero struggles for some kind of redemption - she simply gives us a film of jabbing intensity that gives way to an impassioned struggle for humanity. You Were Never Really Here barely takes up 90 minutes of screen time. Trust us, you won’t know what hit you.

Peter Travers: Rolling Stone

Großbritannien 2017. Ein Film von Lynne Ramsay. Produktion: Why Not Productions. In Verbindung mit Film4, British Film Institute, Amazon Studios, Sixteen Films und JW Films. Entwickelt in Verbindung mit Film 4. Hergestellt mit Unterstützung des BFI Film Fund. Copyright: Why Not Productions, Channel Four Television Corporation, The British Film Institute. Geschäftsführende Producer: Jonathan Ames, Ben Roberts, Lizzie Francke, Sue Bruce-Smith, Rose Garnett. Producer: Pascal Caucheteux, Rosa Attab, James Wilson,Rebecca O’Brien, Lynne Ramsay. Koproducer: Carrie Fix. Line Producer, Zusätzliche Kamera: Nell Green, Eimhear McMahon. Drehbuch, Regie: Lynne Ramsay. Vorlage: Buch von Jonathan Ames. Chefkameramann: Tom Townend. Produktionsdesign: Tim Grimes. Art Direction: Eric Dean. Set Decoration: Kendall Anderson. Kostümdesign: Malgosia Turzanska. Maske: Mara Capps. Filmschnitt: Joe Bini. Musik: Jonny Greenwood. Musik-Supervisor: Catherine Grieves, Frédéric Junqua. Paul Davies: Sound-Design, Supervisor Tonschnitt. Visual Effects Supervisor: Nick Bennett. Casting: Billy Hopkins, Ashley Ingram.

Darsteller: Joaquin Phoenix (Joe), Judith Roberts (Joe’s Mother), Ekaterina Samsonov (Nina Votto), John Doman (John McCleary), Alex Manette (Senator Albert Votto), Dante Pereira-Olson (Young Joe), Alessandro Nivola (Governor Williams), Larry Canady (Cincinatti Cab Driver), Vinicius Damasceno (Moises), Neo Randall (Moises’s Friend), Frank Pando (Angel), Edward Latham (Drug Dealer), Claire Hsu (Staring Girl), Denis Ozer (Afghan Boy), Lucy Lan Luo, Annie Mac-Yang (Dead Girls), Ryan Martin Brown (Towel Girl), Ace Ramsey (Little Girl), Silvia Pena (Big Sister), Jason Babinsky (Eye of Providence), Jonathan Wilde (Joe’s Young Father Double), Kate Easton (Joe’s Young Mother Double) u.a.

Vorführformat: DCP. Farbe. Bildseitenverhältnis: 1:2,35. Sound: Dolby Digital. Locations: New York, (New York City, Queens, Tuxedo Park); Drehzeit: September 2016, 29 Tage. Uraufführung: 27.5.2017, Internationales Filmfestival Cannes. Britische Erstaufführung: 14.10.2017, London Film Festival. Deutsche Erstaufführung: 20.1.2018, Fantasy Filmfest White Nights; Verleihstart: 26.4.2018; Verleih: Constantin Film Verleih GmbH. .

Auszeichnungen (Auswahl): Preise für den besten Darsteller (Joaquin Phoenix) und das beste Drehbuch beim Internationalen Filmfestival in Cannes; British Independent Film Award für Filmmusik und Sound, Nominierungen für Drehbuch, besten britischen Independentfilm, Kamera und Schnitt; Halfway Award der International Online Cinema Awards für besten Darsteller (Phoenix) und Schnitt, Nominierungen für Regie, Kamera, Originalmusik, Tonmischung und Tonschnitt; Boston Society of Film Critics für beste Regie; Drehbuch-Preis des Dublin International Film Festival; Nominierung für den BAFTA Film Award für ”Outstanding British Film of the Year”; NBR Award des National Board of Review; Preis der Boston Online Filmcritics Association in den Kategorien Bester Film, Regie, Filmmusik und Schnitt; International Cinephile Society Award für die beste Regie; Preis der Online Association of Female Film Critics für die beste Regie; Preis der Los Angeles Online Film Critics Society für die beste Regisseurin; Film Independent Spirit Award für Schnitt, Nominierungen für Bester Film und Regie; Chlotrudis Award für Schnitt; Platz sieben bei der Kritikerumfrage von Sight & Sound, London, nach den besten Filmen 2018.