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Freitag, 29. November 2019, 19.30 Uhr
AD ASTRA
Deutscher Titel: Ad Astra - Zu den Sternen

Science-Fiction-Film mit Brad Pitt, Tommy Lee Jones, Donald Sutherland, Ruth Negga, Liv Tyler
Chefkameramann: Hoyte Van Hoytema
Musik: Max Richter
Producer: Dede Gardner, Jeremy Kleiner, James Gray, Anthony Katagas, Rodrigo Teixeira, Arnon Milchan
Drehbuch: James Gray, Ethan Gross
Regie: James Gray
USA 2018, 123 Min.
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”Eine risikoreiche Raumfahrtmission, die zugleich von einer Vatersuche erzählt. James Grays erste Eskapade ins Sci-fi-Genre ist ein intimes Epos, das spektakuläre Schauwerte und Seelenerforschung verknüpft”. (epd Film.) - ”Daß Ad Astra mehr ist als ein bloßer weiterer Weltraumfilm (ernshafter als The Martian, mehr in der Gesellschaft verankert als Gravity), mehr auch als ein bloßer Brad-Pitt-Film (der den Film auch produziert hat, das liegt an den Bildern. Bilder, die so schön, so gebaut sind, solche Farben haben und so faszinieren, daß sie ganz unabhängig von jeder Geschichte ins Kino gehören.” (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung.)


Brad Pitt als Astronaut Major Roy McBride

Riesig ragt die Antenne in die oberen Schichten der Erdatmosphäre, viele Kilometer hoch. Wartungsarbeiten in diesen Höhen durchzuführen, das ist nur etwas für Leute mit Nerven und Berufsethos. Ohne psychologischen Test wird auf der Station am Gipfel der Anlage niemand durch die Luftschleuse ins Draußen gelassen, wo das Blau des Himmels und das Dunkel des Weltraums ineinander übergehen. So spricht der Ingenieur Roy McBride einige Sätze in den Computer, bevor er im Raumanzug aussteigen darf. Seine Stimme ist leise. Man könnte meinen, er sei traurig, doch in Wahrheit ist er einfach ruhig. Er ist der perfekte Mann für den Job. Ein Profi. Und natürlich schwindelfrei.

Schwindelfreiheit empfiehlt sich auch für den Zuschauer in diesen ersten Minuten von ”Ad Astra - Zu den Sternen”, dem neuen Film von James Gray, der gerade bei den Filmfestspielen in Venedig uraufgeführt wurde. Es ist Brad Pitts zweiter Großauftritt in diesem Jahr, nach Quentin Tarantinos ”Once Upon a Time in Hollywood”, wo er den Stuntman eines Schauspielers im Hollywood der späten Sechzigerjahre verkörperte. Stuntleute werden bekanntlich fürs Hinfallen bezahlt.

Mit einem tiefen Sturz beginnt auch dieser Film. Denn während der von Pitt gespielte McBride auf dem Gerüst arbeitet, kommt es über ihm zu einer Explosion. Er verliert den Halt, fällt in die Tiefe, dreht sich mehrfach um die eigene Achse, bis er doch noch den Fallschirm öffnen kann.

Unten angelangt wartet ein Auftrag auf ihn. In einem großen, leeren, grauen Raum erklären Offiziere des Weltraumprogramms, dass der Vorfall an der Antenne kein Einzelfall war. Überall auf der Welt kommt es zu elektromagnetischen Stürmen, ausgelöst von Energiewellen, deren Quelle am Rand des Sonnensystems lokalisiert wurde. Und da kommt McBride ins Spiel. Dessen Vater (Tommy Lee Jones) befehligte einst das sogenannte Lima-Projekt, eine Forschungsmission zum Neptun. Roy war zehn, als sein Vater fortging, er war neunundzwanzig, als jegliche Kommunikation mit dessen Raumschiff abbrach. Hat dieser am Ende etwas mit den Geschehnissen auf der Erde zu tun? McBride soll Näheres herausfinden, Kontakt zu seinem Vater herstellen, die Quelle der Schockwellen neutralisieren.


Moon Rovers werden von Space-Piraten attackiert.

Für Hollywood-Verhältnisse ist nicht nur McBrides Mission, sondern auch Grays Film keine einfache Angelegenheit. James Gray ist kein anonymer Blockbuster-Regisseur, sondern ein renommierter Filmemacher, der die Filmgeschichte kennt und sein Handwerk als Ausübung einer Kunst begreift. Nun wurde im März das produzierende Studio, Fox, von Disney gekauft, dem Unterhaltungsriesen, der endlose Neuauflagen etablierter Marken bevorzugt: Lieber einen zwanzigsten ”Star Wars”- oder Marvel-Film als ein kommerzielles Risiko eingehen, Brad Pitt hin oder her. Der Starttermin wurde verschoben. Man kann von Glück sagen, dass ”Ad Astra” doch noch im Kino gelandet ist. Für solche Filme sieht es in Hollywood im Lichte des Disney/Fox-Deals düster aus.

Komplex ist ”Ad Astra” allein wegen seiner Zwischentöne. Die Zukunft ist weder dystopisch noch besonders strahlend, sondern eine Zeit, in der die Menschen begonnen haben, ernsthaft Raumfahrt zu betreiben und den Weltraum zu kolonisieren - aus rationalen, wirtschaftlichen Motiven. Raketenflüge wie der, mit dem McBride zunächst zum Mond gelangt, sind mittlerweile Routine. Es gibt Weltraumbahnhöfe wie Flughäfen. Auf der Mondbasis springen Filialen von Subway und DHL ins Auge. Das Product Placement vermittelt den Eindruck von Alltäglichkeit. Die Mondbasis empfängt einen mit den Worten: ”Wo die Welt zusammenkommt.” Währenddessen gehen die Kämpfe um Ressourcen weiter, gerade auf dem Mond. Fährt man, wie McBride, mit einem Mondrover von einer Basis zur anderen, riskiert man, von Piraten überfallen zu werden.

In dieser ”Zeit von Hoffnung und Konflikt”, die eine Texteinblendung anfangs ankündigt, hat die Menschheit jedoch auch in die Idee investiert, nach außerirdischem Leben zu suchen, daher die Weltraumantenne, daher die Neptun-Mission von McBrides Vater. Es gibt Zeichen für Hoffnung, für Forschergeist, für Fortschritt. Doch wo die Grenzen des Bekannten übertreten werden, lauern auch Hybris und Wahnsinn. Sein Vater, so findet McBride heraus, ist über seiner Suche nach Aliens offenbar verrückt geworden. Der Film erinnert darin an Coppolas ”Apocalypse Now”, in dem Martin Sheen im Vietnamkrieg einen Fluss hinauf ins Reich der Dunkelheit fährt, errichtet von einem von Marlon Brando gespielten Colonel, der den Verstand verloren hat.

Andere haben den Film mit Kubricks ”2001 - Odyssee im Weltraum” verglichen. Aber ”Ad Astra” hat nicht wirklich etwas gemein mit diesen bildgewaltigen Phantasmagorien der Filmgeschichte. Die Kraft von Grays Film besteht in seiner visuellen Zurückhaltung. Dies zeigt sich vor allem im Vergleich mit einem jüngeren Weltraumspektakel, Christopher Nolans ”Interstellar”. Dort wurden die Wunder des Alls in majestätischer Weise ausgestellt, etwa der Saturn mit seinen Ringen. Gray arbeitet zwar mit Nolans Kameramann Hoyte van Hoytema, doch gerade der Saturn, an dem McBride auf seiner Reise vorbeifliegt, bleibt hier ganz unscheinbar. Das Endziel der Reise ist der bläulich-fahle Gasplanet Neptun, der fast mit der Dunkelheit um ihn herum zu verschmelzen scheint. Es gehört zu Grays Handschrift, sich Orte wie diesen auszusuchen, denen jede Opulenz abgeht.

Denn was McBride erwartet, sind weniger die letzten Geheimnisse des Universums, sondern es ist das Allzuvertraute. Wie immer bei Gray ist die Familie das bestimmende Thema. In seinem letzten, großartigen Film ”Die versunkene Stadt Z” verließ ein Entdecker immer wieder seine Heimat, um eine geheimnisvolle Stadt im Amazonas zu suchen. In ”Ad Astra” reist ein Sohn bis an die Ränder des Sonnensystems, um den Entdecker-Vater wiederzufinden, der einst alles hinter sich ließ. Man mag nach außerirdischem Leben suchen, nach der Ferne streben - vor den eigenen Wurzeln gibt es kein Entkommen. Man fällt immer wieder auf die Erde zurück.

Philipp Stadelmaier: Süddeutsche Zeitung

Brad Pitt als Roy McBride

Brad Pitt: Glücklich ist ein weiter Begriff. Dieser Film eröffnet eine neue Dimension, war allerdings der bisher schwierigste meiner Karriere, eine riesige Herausforderung. Es fiel mir sehr schwer, als Roy McBride keine Emotionen zeigen zu dürfen, die Schmerzen und Wunden der Kindheit scheinbar unberührt hinter einer Fassade zu verschanzen, die falschen Halt verspricht. Es gibt viele Möglichkeiten, vor seinen wahren Gefühlen zu fliehen, dazu gehört auch die Flucht in die Einsamkeit.

Ich fürchte mich nicht davor. Uns ging es darum, Einsamkeit zu porträtieren. Einsamkeit bedeutet aber etwas anderes, als alleine zu sein. Dies glaubhaft zu vermitteln, war nicht einfach. Einsamkeit ist universell, wir alle durchleben sie an bestimmten Punkten unserer Existenz. Nur Größenwahnsinnige verdrängen sie. Roy McBride ist nicht nur allein, er ist auch bewusst ein Einzelgänger. Eine simple Gewissheit dürfen wir nie vergessen: Wir kommen allein auf diese Welt und verlassen sie auch wieder allein. Und Leben heißt manchmal auch Schmerz.

Dass Regisseur James Gray diese Geschichte im Weltraum spielen lässt, fand ich faszinierend, er kennt sich in der Filmgeschichte aus und hat eine sehr elegante Art des Erzählens, wenn er Kontemplation mit Action mischt. Wir lieben beide die Filme der 1970er-Jahre mit ihren komplexen Charakteren. Die waren nicht schlecht und waren nicht gut, sie waren human. Besser als jetzt, wo die Schwarzweiß-Zeichnung dominiert. Wir sind befreundet und haben zu Beginn sehr viel diskutiert, aber ich ordne mich immer dem Regisseur unter und tue, was er verlangt. Es gefällt mir, dass James Gray etwas anderes bietet als Treffen mit Aliens oder intelligenten Lebewesen, sondern die Frage stellt: Was ist, wenn da nichts ist? Roy McBride ist kein strahlender Held oder Eroberer fremder Galaxien, sondern ein in sich zerrissener Mensch und auf sich selbst zurückgeworfen. Er ist mit einer großen Leere konfrontiert, geht auf eine innere Reise, ohne zu wissen, wohin die führt. Dabei geht es auch um eine Neudefinierung von Maskulinität.

Der Film geht der Frage nach, was überhaupt Stärke, was Verletzbarkeit ist. Schöpfen wir unsere Kraft nicht aus unserer Verwundbarkeit? Wir müssen uns selbst besser kennen lernen und lernen, uns mit unseren Fehlern anzunehmen. Wir vertuschen unsere Unsicherheiten und Unzulänglichkeiten, schotten einen Teil unserer Persönlichkeit ab, aber mit zunehmendem Alter verweigern wir uns diesen läppischen Spielchen um unser Superego und offenbaren unsere seelische Verletzbarkeit.

McBride ist „ein Mann mit einer Mission” und gleichzeitig in einer Umbruchsituation. Er ist leistungsfähig und findet immer eine Lösung im Beruf. Aber sobald es ihn persönlich betrifft, verschließt er sich wie eine Auster. Ich versuche, diese Figur in ihren unterschiedlichen Facetten mit Leben zu füllen, mich auf die dunkle Seite zu fokussieren und die Probleme wahrhaftig zu vermitteln. Wenn ich nicht an die Figur glaube und sie vortäusche, wird auch der Zuschauer nichts mit ihr anfangen können. Ich grabe in meinen eigenen Gefühlen und mache sie dadurch real.

Brad Pitt Interview: Margret Köhler

Von links: Donald Sutherland (als Colonel Pruitt), Brad Pitt (als Roy McBride), Sean Blakemore (als Willy Levant)

[...] The film is a lovely, sincere and sometimes dopey confessional about fathers and sons, love and los that takes the shape of a far out if deeply inward trip. As in many expeditions, the journey doesn’t simply progress; it stutters and freezes and perio-dically backslides. Yet each step - the story begins on Earth and soon rockets to the dark side of the moon - is a reminder that in order to get found, you need to get lost.

For the most part, the film’s heaviness is a virtue, even when its director, James Gray, slips into grandiosity. It’s also welcome, given how many American movies embrace the trivial as a commercial imperative. Somewhat of a throwback, especially in his commitment to thoughtful adult stories, Gray makes films like ”The Immigrant” that are insistently dark - both thematically and visually - about complicated people navigating complex realities. His under-loved last film, ”The Lost City of Z,” tracks an early 20th-century explorer who travels far into the Amazon carrying the sins of Western civilization with him. It ends badly.

isually austere and narratively clotted, ”Ad Astra” tends to work best in isolated scenes rather than in the aggregate. It’s a striking film that Gray has washed in soft, vibrant color and filled with geometric patterns that pick up on the beauty (and natural orderliness) of the astronomical wonders that McBride passes and visits during his travels through space. Working with the cinematographer Hoyte Van Hoytema and the production designer Kevin Thompson - and building on work by NASA - Gray creates a persuasive-looking cosmic realm that is familiar enough to latch onto yet also exotic enough to feed the film’s mystery.

Pitt’s soulful, nuanced performance - which becomes incrementally more externalized and visible, as if McBride were shedding a false face - holds the film together even when it starts to fray, McBride spends a lot of time alone, as when he’s wearing a spacesuit, his face wholly or partly obscured by his helmet with its golden, mirrored visor. As with McBride’s voice-over, which Pitt delivers in intimate tones - like lover or penitent whispering confidences in your ear - the helmet alternately reveals and obscures the character, putting the narrative dynamic into visual terms.

Manohla Dargis: The New York Times (gekürzt)

USA 2018. Ein James-Gray-Film. Produktionsfirmen: New Regency / Plan B Entertainment / Keep Your Head / RT Features / Madriver Pictures. Präsentiert von Twentieth Century Fox und Regency Enterprises. In Zusammenarbeit mit Bona Film Group. Geschäftsführende Producer: Marc Butan, Lourenco Sant’Anna, Sophie Mas, Yu Dong, Jeffrey Chan, Anthony Mosawi, Paul Conway. Producer: Brad Pitt, Dede Gardner, Jeremy Kleiner, James Gray, Anthony Katagas, Rodrigo Teixeira, Arnon Milchan. Regie: Brad Pitt. Drehbuch: James Gray, Ethan Gross. Chefkameramann: Hoyte Van Hoytema. Produktionsdesign: Kevin Thompson. Set Decoration: Karen O’Hara. Kostüme: Albert Wolsky. Schnitt: John Axelrad, Lee Haugen, Musik: Max Richter. Musik Supervisors: Randall Poster, George Deakoulias. Sound Design, Sound Effects Editor: Grant Elder. Re-recording Mixer, Sound Design, Supervisor Tonschnitt: Gary Rydstrom. Supervising Stunt Coordinator: Robert Alonzo. Visual Effects Supervisor: Olaf Wendt. CGI Supervisors: Catherine Heber, Laurent Taillefer, Paul Wishart, Trey Harrell. Casting: Douglas Aibel.

Darsteller: Brad Pitt (Roy McBride), Tommy Lee Jones (H. Clifford McBride), Ruth Negga (Helen Lantos), Donald Sutherland (Thomas Pruitt), Kimberly Elise (Lorraine Deavers), Loren Dean (Donald Stanford), Donnie Keshaqarz (Captain Lawrence Tanner), Sean Blakemore (Willie Levant), Bobby Nish (Franklin Yoshida), Lisagay Hamilton (Atjutant General Vogel), John Finn (Brigadier General Stroud), John Ortiz (Lieutenant General Rivas), Freda Foh Shen (Captain Lu), Kayla Adams (Female Flight Attendant), Ravi Kapoor (Arjun Dhariwal), Liv Tyler (Eve), Elisa Perry (Woman in White Pants/Shirt), Daniel S. Pauli (Sal), Kimmy Shields (Sergeant Romano), Kunal Dudheker (Technician One), Greg Bryka (Chip Garnes).

Vorführrformat: DCP. Negativ: 35 mm. Bildseitenverhältnis: 1:2,39. Sound: SDDS, Dolby Atmos, DIS. Drehstart: August 2017. Locations: Dumont Dunes, Death Valley, Los Angeles, jeweils Kalifornien. Uraufführung: 29.8.2019, Filmfestival in Venedig. US-Kinostart: 20.9.2019; Gesamtumsatz bis 20.10.2019: $48.677.973. Deutsche Kinopremiere: 19.9.2019; Gesamtbesuch bis 20.10.2019: 324.959. Verleih: Twentieth Century Fox of Germany GmbH.