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Freitag, 5. April 2019, 20.00 Uhr
CAN YOU EVER FORGIVE ME?
Deutscher Titel: Can You Ever Forgive Me?

Schwarzhumoriges Biopic mit Melissa McCarthy, Richard E. Grant, Dolly Wells , Jane Kurtin, Ben Falcone
Musik: Nate Heller
Chefkameramann: Brandon Trost
Producer: Anne Carey, Amy Nauiokas, David Yarnell
Drehbuch: Nicole Hofcener und Jeff Whitty nach dem gleichnamigen Buch von Lee Israel
Regie: Marielle Heller
USA 2018, 106 Min.
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Melissa McCarthy spielt die ehemals erfolgreiche New Yorker Autorin Lee Israel im freien Fall in die Vergessenheit und startet eine zweite Karriere als Fälscherin von Celebrity-Briefen, die sie gewinnbringend verkauft. ”Ein wunderbar eleganter, fantastisch gespielter und sorgsam inszenierter Film über eine Schriftstellerin, deren größtes Verbrechen auch ihr bestes Werk war” (FBW). ”Was Marielle Heller hier erzählt, ist nichts weniger als eine der unerwartet wunderbarsten Geschichten, die es im Kino zuletzt zu sehen gab” (epd Film). ”Eines der bewegendsten Charakterdramen der jüngsten Zeit” (Filmdienst).

Melissa McCarthy spielt die Schriftstellerin Lee Israel. Berühmt wurde sie durch ihren Auftritt in der Comedy Brides Maids (Brautalarm, gezeigt von Filme im Schloß in 2011).

Lee Israels Vorstellung von einem gelungenen Gesellschaftsereignis wäre wahrscheinlich der Algonquin Round Table gewesen, auch Teufelskreis genannt, bei dem täglich die Schriftstellerin Dorothy Parker, die Schauspielerin Tallulah Bankhead, der Kritiker Alexander Woollcott und andere New Yorker Intellektuelle beieinander saßen und Sarkasmen austauschten. Leider hörten die Treffen im Hotel Algonquin in Manhattan schon 1929 wieder auf - zehn Jahre, bevor Lee Israel überhaupt auf die Welt kam. Lees soziale Verpflichtungen erfüllen sie mit tiefster Abscheu. Und so tigert sie in ”Can You Ever Forgive Me?” durch die Wohnsäle ihrer vermögenden Agentin, regt sich auf, fegt ein paar Garnelen in ihre Handtasche und haut wieder ab, um die Beute mit ihrer Katze zu teilen.

Die Rolle der Lee Israel ist ein grandioser Auftritt für Melissa McCarthy - sie ist für einen Oscar als beste Hauptdarstellerin nominiert, dafür, wie wunderbar sie in dieser Figur komische Bärbeißigkeit und intellektuelle Sturköpfigkeit zusammenfließen läßt; und in jedem Moment schimmern Einsamkeit und Verzweiflung durch, bis diese Frau sich auf der Leinwand so richtig mit Leben füllt. Das hat irgendwie mit ihrem legendären Auftritt als Megan in der Komödie ”Brautalarm” zu tun, für die sie 2012 schon einmal für einen Oscar nominiert wurde - aber es hat mehr Tiefe, Raum für vielschichtigere Emotionen.

Lee Israel würde gern über Fanny Brice schreiben, jene Komikerin, die Barbra Streisand in ”Funny Girl” (1968) spielte - aber inzwischen kann sich an diese Frau, die einmal legendär war, niemand mehr erinnern. Sagt zumindest die Agentin. Die Neunzigerjahre haben gerade begonnen, Lee hat eine Reihe sehr kluger Biografien geschrieben - aber kein Magazin gibt ihr mehr Aufträge, kein Verlag will ein neues Buch mehr mit ihr machen. Ihre Themen sind zu abseitig. Lee ist wie Dorothy Parker, die einmal gesagt hat, die schönsten Worte überhaupt seien ”Scheck liegt bei”. Das hat nichts mit Geldgier zu tun, sondern mit schierer Not.

Marielle Hellers Film basiert, wie so viele Filme, auf wahren Ereignissen - und also zeigt er auch die New Yorker Literaturszene so, wie sie Anfang der Neunzigerjahre war. Stargast auf der nervenden Agentenparty ist zum Beispiel der Vielschreiber Tom Clancy, so ungefähr zu dieser Zeit wurde sein Thriller ”Die Stunde der Patrioten” mit Harrison Ford verfilmt. Zu so einem Bestseller-Garanten ist Lee der Gegenentwurf: Sie lebt wie Truman Capotes Erzähler in ”Frühstück bei Tiffany”, aber leider in der falschen Ära. Für eine misanthropische Eigenbrötlerin hat das Literaturbusiness keinen Platz mehr. Wahr ist dann auch der Plan, den Lee in höchster Not entwickelt, als eines Tages die Katze krank wird und der Tierarzt unbezahlbar ist. Schreiben kann sie ja, gut genug, um den Witz und den Stil anderer Autoren nachzuahmen. In ihrer Verzweiflung beschließt sie also, Briefe von literarischen Berühmtheiten zu fälschen - Noël Coward, oder eben Dorothy Parker. Diese verkauft sie in Buchhandlungen in Manhattan. Das kommt ihr, zunächst einmal, nicht mal vor wie ein Verbrechen. Schon weil es ja endlich mal wieder eine Aufgabe ist, bei der sie ihre Fähigkeiten einsetzen kann - fast ein Briefroman.


Lee (Melissa McCarthy) und Jack (Richard E. Grant) besuchen eine Messe für wertvolle Briefe.

Es wird, sagt Lee Israel am Ende, in einem mitreißenden Monolog vor Gericht, die beste Zeit ihres Lebens. Und Lee kann den Erfolg genießen, weil sie ihn mit jemandem teilen kann. Sie liest in einer Kneipe den schäbig-flamboyanten Jack (Rupert E. Grant) auf, der sich zwischen zwei Saufgelagen bei seinen diversen Liebhabern einquartiert - auch keine Lebensweise mit viel Perspektive. Die beiden haben gelebt, als gebe es keine Zukunft; nun sind sie über fünfzig, und so geht es nicht mehr. Lee entrümpelt ihre Bude und nimmt Jack bei sich auf, so betreiben die beiden eine Weile eine Fälscherwerkstatt, und gelegentlich trifft sich Lee mit einer der Händlerinnen, die sie mit den Briefen betrügt. Denn in diese Frau hat sich Lee verliebt.

Lee Israel ist nicht nett, aber rührend, weil sich ihr gnadenloser Sarkasmus auch gegen sie selbst richtet. Aber kann man ihr vergeben? Mit den Opfern ihrer Taten ist es so eine Sache - was die da treiben, ist dem Reliquienhandel nicht unähnlich. Und wenn einer sich unbedingt einen Promi-Brief an die Wand hängen will, entsteht der Schaden für ihn ja eigentlich erst in dem Moment, in dem er erfährt, dass er einer Fälscherin aufgesessen ist. So gesehen ist es erst in dem Moment nicht mehr egal, ob der Brief echt ist oder nicht, in dem der Schwindel auffliegt.

Es gibt einen zweiten Hauptdarsteller in diesem Film, liebevoll wieder hergerichtet und fotografiert - die Stadt um Lee und Jack herum, ein New York, das es so nicht mehr gibt. Das waren noch Zeiten, als die Superreichen von Manhattan ihre Gäste noch mit Briefen von Noël Coward zu beeindrucken versuchten.

Es kommt einem in ”Can You Ever Forgive Me?” vielleicht manchmal so vor, als hätten böse Mächte dieser Frau, von der alle immer sagen, sie sei ein so großes Talent, die wahre Karriere versagt. Aber sie hätte es wohl zu keiner Zeit geschafft: All die Autoren, deren Briefe sie fälscht, haben in der Erinnerung überlebt, weil sie genau jene selbstdarstellerischen Qualitäten hatten, die Lee fehlen. Die echte Zeitenwende, die ihr zu schaffen macht, ist eine wirtschaftliche - man ahnt, daß die düstere Bar, in der sich Lee und Jack vollaufen lassen, und ihre vermüllte Altbau-Mietwohnung an der Upper Westside inzwischen ein Edelrestaurant und eine Millionärsbehausung sind. Das heruntergekommene Manhattan verwandelt sich vor ihren Augen in einen Ort, an dem Verlierer nichts zu suchen haben - Verlierer wie sie.

Susan Vahabzadeh: Süddeutsche Zeitung

Der Film basiert auf den Memoiren von Lee Israel mit dem Titel Can You Ever Forgive Me? aus dem Jahr 2007. Die in Brooklyn geborene jüdische Schriftstellerin hatte ihre Karriere in den 1960er Jahren als freie Autorin begonnen. Im November 1967 porträtierte sie in einer Ausgabe von Esquire die Schauspielerin Katharine Hepburn, die sie kurz vor dem Tod ihres Partners Spencer Tracy besucht hatte. Bis in die 1970er Jahre schrieb sie Artikel für

Magazine und begann später ihre Arbeit an Biografien für die Schauspielerin Tallulah Bankhead, die Journalistin und Moderatorin Dorothy Kilgallen sowie für Kosmetik-Tycoon Estée Lauder. Die Biografie von Kilgallen verkaufte sich gut und landete auf der Bestsellerliste der New York Times.

Um danach Geld zu verdienen, begann sie Briefe von verstorbenen Schriftstellern und Schauspielern zu fälschen. Deren Zahl wird auf über 400 geschätzt. Später stahl sie echte Briefe und handsignierte Papiere berühmter Personen aus Archiven und Bibliotheken und ersetzte diese durch Kopien. Sie verkaufte sowohl gefälschte als auch gestohlene Originalwerke. Nach einer Befragung durch FBI-Agenten vernichtete sie alle Beweise, die sie in öffentlichen Mülltonnen entsorgte, darunter auch mehr als ein Dutzend Schreibmaschinen, die sie benutzt hatte, um verschiedene Schriften zu simulieren. Dennoch bekannte sich Israel im Juni 1993 schuldig und wurde zu sechs Monaten Hausarrest und fünf Jahren auf Bewährung verurteilt.

In ihren Memoiren gestand Israel ihre Verbrechen im Detail. Die 2008 veröffentlichte Autobiografie sorgte für Kontroversen, ”weil hier eine Betrügerin und Fälscherin aus ihren Untaten, so der Vorwurf, noch Kapital schlug”. Darin, so heißt es, gab sie auch zu ”Protokoll, stolz auf ihre unkonventionelle Geschäftsidee gewesen zu sein”. Lee Israel starb am 24.12.2014, Jack Hock bereits mehr als 20 Jahre früher, am 19.10.1994.


Die Buchhändlerin Anna (Dolly Wells, links) wird das erste Opfer eines von Lee gefälschten Briefs. Rechts: Lee (Melissa McCarthy).

Melissa McCarthy is a lock for a Best Actress Oscar nomination for Can You Ever Forgive Me?, the true story of Lee Israel, a lonely, embittered author of celebrity biographies who took up forgery to pay the bills when her job dried up. The Academy previously rewarded McCarthy with a Best Supporting Actress nod for 2011’s Bridesmaids, the kind of raucous comedy that became her speciality. McCarthy gets laughs for sure here, but the demands of this role are primarily dramatic. McCarthy meets every challenge: She’s a dynamo firing on all cylinders.

Director Marielle Heller, who made a triumphant debut with 2015’s The Diary of a Teenage Girl, scores again here. She steps the movie in the atmospheric flavor of early-1990s Manhattan that reminds you of vintage Woody Allen films and Seinfeld. From park benches, diners and seedy bars to Lee’s rundown, Upper West Side apartment, everything feels lived in - right down to the cat turds under the couch. Lee lavishes attention on that sick feline, but the rest of the world gets tasered by her toxic tongue. At a New York party thrown by her put-upon agent (how great to see Jane Curtin again), the author takes the piss out of everyone in sight, especially the bestselling macho novelist Tom Clancy, ”Lord, give me the confidence of a mediocre white man,” she sasses. [...]


Lee und Jack lassen sich in einer Bar vollaufen: Melissa McCarthy, Rupert E. Grant.

Lee had the last laugh by turning her FBI capture - after a three-year scam in which she forged more than 400 letters - into a bestseller called Can You Ever Forgive Me?” I still consider the letters,” Israel wrote, ”to be my best work.” (She’d undoubtedly like the movie version at least as much.) There’s not an ounce of sitcom aggression in the script that Nicole Holofcener and Jeff Whitty have carved out of her memoir. And Heller never spells out what Lee is thinking, though you’ll find hints on the soundtrack brimming with writer’s favorite songs by Peggy Lee, Blossom Dearie, Jeri Southern and Dinah Washington - female jazz artists who sang the blues that this expert faker lived but couldn’t articulate. It’s McCarthy who lets us see Lee as a woman in full - a role that shows she has what it takes to tackle drama, comedy and all stops between.

Peter Travers Rolling Stone, New York

USA 2018. Produktionsfirma: Archer Gray. Präsentiert von Fox Searchlight Pictures. In Verbindung mit TSG Entertainment. Geschäftsführende Producer: Jawal Nga, Pamela Hirsch, Bob Balaban. Producer: Anne Carey, Amy Nauiokas, David Yarnell. Associate Producer: Shani Geva. Co-head of production: David Greenbaum. Regie: Marielle Heller. Drehbuch: Nicole Holofcener, Jeff Whitty. Basierend auf dem Buch von Lee Israel. Chefkameramann: Brandon Trost. Produktionsdesign: Stephen Carter. Kostümdesign: Arjun Bhasin. Art Direction: Mard Mudd. Set Decoration: Sarah E. McMillan. Schnitt: Anne McCabe. Musik: Nate Heller. Musikalische Leitung: Howard Paar. Sound Mixer: Joseph White Jr. Mischung: Robert Fernandez, Damian Volpe. Casting: Jennifer Euston.

Darsteller: Melissa McCarthy (Lee Israel), Richard E. Grant (Jack Hock), Dolly Wells (Anna), Jane Kurtin (Marjorie), Ben Falcone (Alan Schmidt), Anna Deavere Smith (Elaine), Stephen Spinella (Paul), Gregory Korostishevsky (Andre), Christian Navarro (Kurt), Pun Bandhu (Agent Doyle), Erik LaRay Harvey (Agent Solonas), Brandon Scott Jones (Glen), Shae D’lyn (Nell), Rosal Colon (Rachel), Marc Evan Jackson (Lloyd), Marcella Lowery (Guest at Party), Roberta Wallach (Tom Clancy Groupie) u.a.

Vorführformat: DCP. Farbe. Bildseitenverhältnis: 1:2,35. Locations: New York City. Uraufführung: 1.9.2018, Telluride Film Festival, Colorado; US-Kinostart: 19.10.2018, Gesamtumsatz bis 24.2.2019: $8.751.084. Deutsche Erstaufführung: Oktober 2018, Hofer Filmtage: Deutscher Kinostart: 21.2.2019; Deutscher Kinoverleih: Twentieth Century Fox of Germany GmbH.

Auszeichnungen (Auswahl): Independent Spirit Awards in den Kategorien Drehbuch und Nebenrolle (Richard E. Grant), Nominierung Adaptiertes Drehbuch - Oscar-Nominierungen in den Kategorien Hauptdarstellerin (Melissa McCarthy), Nebendarsteller (Richard E. Grant) und Adaptiertes Drehbuch - Preis der Writers Guild of America für das Adaptierte Drehbuch - NBR Award des National Board of Review - Nominierungen für die Satellite Awards in den Kategorien Adaptiertes Drehbuch und Nebendarsteller (Richard E. Grant) - FBW-Prädikat ”Besonders wertvoll”.