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Freitag, 24. Mai 2019, 20.00 Uhr
THE CURIOUS CASE OF BENJAMIN BUTTON
Der seltsame Fall des Benjamin Button

Fantasyfilm mit Brad Pitt, Cate Blanchett, Taraji T. Henson,
Julia Ormond, Tilda Swinton, Jason Flemyng
Musik: Alexandre Desplat
Chefkameramann: Claudio Miranda
Drehbuch: Eric Roth
Producer: Kathleen Kennedy, Frank Marshall, Céan Chaffin
Regie: David Fincher
USA 2007, 167 Min.
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Vom bizarren Leben eines Altgeborenen, der beim täglichen Blick in den Spiegel immer weniger Falten in seinem Gesicht und immer mehr Haare auf seinem Kopf entdeckt, aber weiß, daß er eines Tages den Tod in der Wiege finden wird, erzählt der Film The Curious Case of Benjamin Button von David Fincher, einem der führenden Regisseure des US-Films der vergangenen zweieinhalb Jahrzehnte. In diesem Zeitraum inszenierte Fincher neun Kinofilme, von denen neben Benjamin Button weitere vier - Zodiac (2006), The Social Network (2009), The Girl with the Dragon Tattoo (2011) und Gone Girl (Verblendung, 2013) - von Filme im Schloß gezeigt wurden.

Ein Paar im gleichen Alter: Benjamin (Brad Pitt) und Daisy (Cate Blanchett)

[...] ”Der seltsame Fall des Benjamin Button” ist ein Südstaatenepos, angesiedelt zwischen dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem Anfang jenes Heulens, aus dem Katrina, der Wirbelsturm, werden soll. New Orleans zu erwählen als Ort für diese Geschichte, das war eine weise Entscheidung. Sie passt dazu, eine wunderschöne, alte Stadt, wie alles Lebendige dem Untergang geweiht.

Der Geburt des seltsamen Benjamin Button geht eine Geste der Trauer voraus. Ein Mann hat, als sein Sohn nicht aus dem Krieg zurückkehrt, die Vergangenheit zurückgefordert und im Bahnhof von New Orleans eine Uhr aufgehängt, die rückwärts geht. Und dann kommt Benjamin (Brad Pitt) zur Welt, ein Greis, der immer jünger werden wird, bis er eines Tages endlich ein Kind ist. Ein ganz und gar fremdes Konzept steckt in dieser Figur, eine Unschuld des Alters.

Benjamin wächst in einem Altersheim auf, verliert seine ersten Freunde schnell. Er lernt dort die Enkelin einer Heimbewohnerin kennen, seine große Liebe, die Daisy heißt wie die Liebe von Gatsby. Sie wird den altersanfälligsten Beruf von allen ergreifen - Ballerina. Beide sind Kinder zu Beginn. Er gefangen im alten Körper, sie ein altkluger Fratz; wie sie einander immer wieder begegnen, bis sie endlich ein paar Jahre lang im selben Alter sind und unbeschwert zusammen sein können - in den Sechzigern, ausgerechnet! - das ist der Kern der Geschichte. Wir erfahren sie aus Benjamin Buttons Tagebuch, das eine Frau von etwa vierzig Jahren (Julia Ormond) ihrer Mutter am Totenbett vorliest.

Der Film ist vollgepackt wie Jeunets ”Amélie Poulain” - mit Stummfilmschnipseln eines alten Mannes, der sieben Mal vom Blitz getroffen wird; mit einer wilden filmischen Ereigniskette, die das Ende von Daisys Karriere zeigt; mit einer Episode, in der Tilda Swinton Benjamin früh die Bedeutung von Timing beibringt, und ihn später noch mal daran erinnert, wie man sich aus der Gefangenschaft seines Körpers befreit. ”Benjamin Button” ist für dreizehn Oscars nominiert - und hätte jeden verdient.

Eine märchenhafte Geschichte, so poetisch und versponnen, dass man dem Kino kaum zutraut, dass es selbst auf die Idee gekommen ist. Ist es aber; von F. Scott Fitzgerald, dessen Kurzgeschichte der Titel und die Hauptfigur entstammen, ansonsten keine Spur. Von der Südstaatbetriebsamkeit über die schwarze Mama Queenie, die das Findelkind Benjamin aufzieht, bis hin zum optimistischen Glauben an das Gute - das ganze Drehbuch, der ganze Film ist gewissermaßen Anti-Fitzgerald.


”Tatsächlich war es die größte Herausforderung, Brad Pitt digital zu verjüngen oder älter zu machen” (David Fincher).

Der Kerl in der Vorlage, der sein Leben verkehrtherum anfängt, ist ein egoistisches kleines Scheusal, das schließlich seine Frau verlässt, weil sie ihm zu alt geworden ist. Der Benjamin, den sich die Autoren Eric Roth, Robin Swicord und Regisseur David Fincher für die Leinwand ausgedacht haben, ist ein ungebrochener Held, reinen Herzens und von rührender Rechtschaffenheit - so eine Figur hätte Fitzgerald überhaupt nicht interessiert. Der Film träumt davon, dass es Liebe als einen Bund verwandter Seelen gibt, die alle Regeln der physischen Attraktion überwindet - an solch unverdorbene Emotionen hätte Fitzgerald nie geglaubt.

Auf dem Weg zum Film wurde aus der kleinen Etüde über die Merkwürdigkeiten der fortschreitenden Zeit eine große Geschichte vom Altwerden, davon, wie schmerzlich es sowieso schon ist und wie fürchterlicher es dadurch wird, dass wir das Verschwinden unserer Jugend immer schlechter akzeptieren können, uns der natürlichsten Sache der Welt verweigern: Wir sterben nun mal, ein Leben lang. Eine Fitzgerald-Verfilmung ist das höchstens in dem Sinn, dass Fincher dem melancholischen Satz treu bleibt, der wohl Fitzgeralds berühmtester ist, allerdings aus dem ”Gatsby”: So regen wir die Ruder, stemmen uns gegen den Strom - und treiben doch stetig zurück, dem Vergangenen zu ...

Mit dem Altern, mit Verlust und Tod spielt der Film auf jeder Ebene, in der Handlung, den Bildern, den Dekors. Brad Pitt verwandelt sich von Szene zu Szene mehr zurück in das, bis hin zu einem fremden wächsernen Kerl, dessen Züge Ähnlichkeit haben mit dem ganz jungen Brad Pitt; und dem bis ins Groteske glattgepixelten Gesicht von Cate Blanchett als junger Daisy setzt Fincher immer wieder Großaufnahmen der ungeschminkten Julia Ormond entgegen, als wolle er fragen, was wirklich von Leben erfüllt ist - die starre Maske oder die nackte Haut. Es gibt kaum noch Gesichter im Hollywood-Kino, die nicht nachbearbeitet sind, aber nur ganz selten fängt das Kino mit der Computertechnik etwas wirklich Neues an - hier wird damit Verwandlung betrieben, wie sie noch vor ein paar Jahren unmöglich war, und gleichzeitig entlarvt der Film ein Stückchen Hollywood, die tote, gespenstische Gleichförmigkeit konservierter Jugend.

Man kann nicht aufdröseln, wie sich die kindliche Naivität des alten Benjamin verhält zu all den Erinnerungen, die er als junger Mann haben wird. Aber ”Benjamin Button” ist auch kein Lebensratgeber und keine logische Abhandlung, sondern ein phantastisches Labyrinth, das tausend Arten anbietet, die Welt zu sehen. Was bedeutet Erfahrung? Wie viel von dem, was wir sind und was wir empfinden, wird vom Zustand unseres Körpers bestimmt? Fincher hat daraus einen Film gemacht, der Emotionen und Irritationen zu einer Geschichte zusammenspinnt, die von der Grausamkeit der verstreichenden Zeit erzählt, von Jugendwahn und Älterwerden und der Würde und Schönheit, die das Leben entfalten kann, wenn man es lässt.

Man hätte einen so schönen, rührenden, von allem Zynismus befreiten Film wohl weder von Fincher noch von Eric Roth erwartet - Finchers Filme waren von ”Seven” an nicht gerade von Menschlichkeit geprägt, und Roths ”Forrest Gump” tut im Kern so, als wären die Menschen Herr über ihr Schicksal und im Zweifelsfall an ihrem Scheitern selber schuld. Vielleicht sind die beiden selbst nicht nur älter geworden, sondern weiser - und sehr viel warmherziger.

Susan Vahabzadeh: Süddeutsche Zeitung

Der Film umfasst einen Zeitraum von 80 Jahren (1919 bis 2005), eine Mammutaufgabe für die Kostümdesignerin Jacqueline West. Im Bild: Brad Pitt und Cate Blanchett.

Fincher: Die Rechte haben ein paar Mal den Besitzer gewechselt, und viele haben sich seit den späten achtziger Jahren an dem Stoff versucht. Steven Spielberg, Ron Howard und Spike Jonze zum Beispiel. Tom Cruise war ebenso im Gespräch für die Hauptrolle wie John Travolta. Irgendwie fehlte am Ende wohl ein gutes Drehbuch, wie Eric Roth es für mich geschrieben hat.

Vor fünf, sechs Jahren hätte ich den Film auch noch nicht machen können, da hätten wir uns blamiert, da waren die Computereffekte noch nicht so weit. Tatsächlich war es die größte Herausforderung, Brad Pitt digital zu verjüngen oder älter zu machen, was sehr teuer wurde. Allein 30 Millionen Dollar sind für die visuellen Effekte draufgegangen.

Ich glaube an das digitale Kino. Ich will direkt am Monitor sehen, was passiert - und nicht erst nach 24 Stunden herausfinden, ob die Aufnahmen gelungen sind. Beim Casting für den Part des greisen Kindes Benjamin Button habe ich mir den Kopf einfach weggedacht, weil wir in der Postproduktion sowieso den von Brad Pitt reingesetzt haben, der mit Make-up und Prothesen ins entsprechende Alter gebracht wurde. In allen anderen Szenen war Brad Pitt mit vollem Körpereinsatz dabei. Allein sein Make-up dauerte fünf Stunden, das Abnehmen nochmal zwei. Aus den üblichen 80 Drehtagen wurden 150, da steigen die Kosten natürlich rapide.

Ich wusste, dass es aufwendig sein würde. Aber bei ”Panic Room” war es auch so, alles zusammen habe ich da zehn bis elf Jahre dran gearbeitet. Ich habe sechs Filme gemacht und alle waren ziemlich unterschiedlich, finde ich zumindest. ”Benjamin Button” ist auch gar nicht so anders als die anderen Filme. Auch darin geht es um das wirkliche Leben, auch darin spielt der Tod eine Rolle.

Es geht um Liebe und Verlust. Du kannst keinen Film über das Leben machen, ohne Reue zu thematisieren. Du kannst keinen Film über das Leben machen - und den Tod ignorieren. Du kannst keinen Film über Liebe machen - ohne die begrenzte Zeit zu zeigen, die man zusammen hat. Alle großen Liebesgeschichten enden im Tod.

David Fincher Ausschnitt aus Interview Claudia Fromme, SZ

Mehr als 80 Jahre mit nur einem Darsteller abgedeckt: Brad Pitt

Technology: In Cate’s case it’s mostly photogrammetry. The double wears markers on her face - the ‘hockey mask’. We had a life-cast of Cate scanned into a computer. so we had all the facial planes of her face and could wallpaper that geometry with photographs taken in the same lighting environment as the double’s body. What we did was very minimal. In her teenage years she’s a ballerina with a thousand yard-stare. When she comes back into Benjamin’s life as a 24-year-old woman, it’s Cate’s real body, but we did tiny modifications to her face. Cate’s extremely gaunt and amazing cheekbones, so most of it was about giving her baby fat. For the ageing Cate, very thin silicone appliances were applied and stippled to get wrinkles and crow’s feet. By the time she’s on her deathbed in her seventies, she’s got five hours of appliances to put on.

Brad was a whole different thing. That’s face replacement. We had to lop off the heads of the actors portraying the body and replace them with Brad from the clavicles up. Peter [Badalamenti] and Robert [Towers], who play Benjamin when he’s littler, had markers all over them. They would perform the scene and then we would erase heads and faces and Brad would watch the scene to see how people responded. It was a very simple black soundstage with all these cameras in the distance recording Brad under fluorescent lights. It was like an improvisation class. He would watch the scene and say, ”Let’s go really quick,” and start doing things. We had the eyelines set up so he knew where to look. Then we would take these performances and edit them.

It’s disembodied in the most primitive sense - there’s no one touching him, he can’t see anyone, there are no props. It’s just him in a black T-shirt with his cap on backwoods doing his thing. It was so freeing for him, because so much of cinema acting is technique: hit this mark, be in focus. Here is an environment where none of these things (that he’s amazing and effortless at) were necessary. He was always in focus, there was no ballet, it was just him - and we knocked through the stuff.

David Fincher: Extract from Interview with Nick James Sight & Sound, London

USA 2007. Ein David-Fincher-Film. Produktionsfirma: The Kennedy/Marshall Company. Präsentiert von Warner Bros. Pictures und Paramount Pictures. Producer: Kathleen Kennedy, Frank Marshall, Céan Chaffin. Associate Producer: Jim Davidson, Marykay Powell, Peter Mavromates. Regie: David Fincher. Regie des Zweiten Teams (Indien): Tarsem. Drehbuch: Eric Roth. Story: Eric Roth, Robin Swicord. Nach der Kurzgeschichte von F. Scott Fitzgerald. Chefkameramann: Claudio Miranda. Produktionsdesign: Donald Graham Burt. Kostümdesign: Jacqueline West. Schnitt: Kirk Baxter, Angus Wall. Musik, Leitung: Alexandre Desplat. Sounddesign, Supervisor des Tonschnitts: Ren Klyce. CG Supervisor: Digital Domain. Casting: Laray Mayfield.

Darsteller: Brad Pitt (Benjamin Button), Cate Blanchett (Daisy), Julia Ormond (Caroline), Taraji P. Henson (Queenie), Jason Flemyng (Thomas Button), Tilda Swinton (Elizabeth Abbott), Faune Chambers (Dorothy Baker), Mahershalalhashbaz Ali (Tizzy), Jared Harris (Saptain Mike), Elias Koteas (Monsieu Gateau), Phyllis Somerville (Grandma Fuller), Donna DuPlantie (Blanche Devereux), Jacob Wood (Martin Gateau), Earl Maddox (Man at Train Station), Ed Metzger (Teddy Roosevelt), Danny Vinson (Priest Giving Last Rites), David Jensen (Doctor at Benjamin’s Birth), Joeanna Sayler (Caroline Button), Fiona Hale (Mrs. Hollister), Patrick Thomas O’Brien (Dr. Rose), Marion Zinser (Mrs. Horton), Peter Badalamenti (Benjamin 1928-31), Danny Nelson (General Winston), Paula Gray (Sybil Wagner), Lance Nichols (Preacher), Rampai Mohadi (Ngunda Oti), Troi Bechet (Filamena Gilea) u.a.Vorführformat: 35 mm. Farbe. Kopien: Technicolor/DeLuxe. Bildseitenverhältnis: 1:2,35 (anamorphotisch). Sound: Dolby Digital/DTS/SDDS. Budget: ca. $150.000.000. Locations: Louisiana (New Orleans, Donaldsville, Mandeville, Morgan City, Laplace), Kalifornien (Los Angeles, Burbank), Québec, U.S.Virgin Islands, Kambodscha, Indien. Drehzeiten: 6.11.2006 - 5.3.2007, 12.3. - 13.4.2007, 22.5. - 30.5.2007. US-Verleihstart: 25.12.2008. Deutscher Kinostart: 29.1.2009; Kinoverleih: Warner Bros. Pictures Germany.

Auszeichnungen (Auswahl)
Oscar in den Kategorien Art Direction, Visual Effects und Maske (Makeup), Oscar-Nominierungen in den Kategorien Bester Film, Regie, Hauptdarsteller (Brad Pitt), Nebendarstellerin (Taraji P. Henson), Adaptiertes Drehbuch, Kamera, Filmschnitt, Filmmusik, Kostümdesign und Tonmischung; Saturn Award der Academy of Science Fiction, Fantas& & HorrorFilms; Saturn Award der Academy of Science Fiction, Fantasy & Horror Films für den besten Fantasyfilm; Movie of the Year Award des American Film Institute; BAFTA Film Award der British Academy of Film & Television Arts in den Kategorien Produktionsdesign, Special Visual Effects und Maske/Frisuren; Preis des National Board of Review für Regie und Drehbuch; Preis Excellence in Production Design der Art Directors Guild; International Online Cinema Award für Filmmusik des Jahres; FBW-Prädikat ”Besonders wertvoll”.