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Freitag, 27. September 2019, 20.00 Uhr
IDA
Deutscher Titel: Ida

Mit Agata Kulesza, Agata Trzebuchowska, Dawid Ogrodnik
Musik: Andersen Kristian Selin Eidnes

Drehbuch: Pawel Pawlikowski, Rebecca Lenkiewicz
Producer: Eric Abraham, Piotr Dzieciol, Ewa Puszczynska
Regie: Pawel Pawlikowski
Polen/Dänemark/Frankreich/Großbritannien 2013, 80 Min.
Polnische Originalversion mit deutschen Untertiteln

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Der Pole Pawel Pawlikowski (Cold War), der als Vierzehnjähriger mit seinen Eltern in den Westen auswanderte, kehrte nach mehreren bemerkenswerten, meist dokumentarischen Filmen in England mit dem fulminanten Spielfilm Ida in seine alte Heimat zurück. Der Film spielt in den frühen 1960er Jahren, einer Zeit, in der die Wunden des Krieges, des Holocaust und der stalinistischen Ära noch überall zu sehen und zu spüren waren. Es sind zwei sehr unterschiedliche Frauen (Anna, eine jüdische Nonne, und Wanda, eine stalinistische „Volksrichterin”), deren Schicksale er zum Anlaß nimmt, um über die Ungeheuerlichkeiten des 20. Jahrhunderts zu reflektieren. Dafür bringt er Elemente des Psychodramas, des Road-Movies und der Detektivgeschichte zusammen, die sich zu einem Gesamteindruck verbinden. Der dialogarme, aus John Coltrane und polnischem Jazz gespeiste Soundtrack verleiht Ida zeittypische Authenzität und zugleich einen Hauch von Ewigkeit: musikalische Momente von Melancholie und Freiheit.

Agata Trzebuchowska als Schwester Anna
Glaubensschwester. Schwermütig klingt das Altsaxofon durch die Hotelflure. Eine träge Melodie, umschmeichelt vom dezenten Schlagzeugrhythmus und den warmen Klangtupfern eines Klaviers, zieht die junge Novizin Anna magisch an.

Sie folgt der Musik durch das Treppenhaus hinunter in den leeren Tanzsaal, wo ein paar Stunden zuvor noch eine wilde Party stattgefunden hat. Am Rande stehend lauscht sie den in ihr Spiel versunkenen Musikern. Später fragt sie den jungen Saxofonisten, was sie denn gespielt hätten und er antwortet: Naima. John Coltranes wohl berühmtestes Stück ist eine sehnsuchtsvolle Ode an seine erste Frau, in dessen sanfter Melancholie bereits die spirituelle Intensität des späten ”Trane” durchscheint - eine wilde Leidenschaft, die zu etwas Höherem berufen ist.

Es überrascht nicht, dass Anna eine besondere Beziehung zu diesem Stück spürt. Auch sie befindet sich in einem inneren Widerstreit: die Leidenschaft einer jungen Frau kollidiert mit ihrem Glauben, dem einzigen Halt in ihrem bisherigen Leben. Naima, aufgeschnappt in einer einsamen Nacht in einem leeren verrauchten Ballsaal, wird für Anna zu einer Art Erweckungserlebnis.

Der polnische Regisseur Pawel Pawlikowski muss selten viel konkreter als in dieser Szene werden, um Einblicke in das Gefühlsleben seiner Figuren zu gewähren. Sein Film Ida handelt von den inneren Konflikten zwei sehr unterschiedlicher Frauen. Dass diese Konflikte auch in einem größeren gesellschaftlichen Zusammenhang stehen, beschreibt Pawlikowski so beiläufig und ernst wie den Moment einer musikalischen Epiphanie.


Dawid Ogrodnik als Saxofonist Lis

Ida spielt 1962 in Polen, in der Rekonvaleszenzphase nach den bleiernen Jahren des Stalinismus. Freier sind die Menschen seither nicht, das politische System hat Spuren im Alltag hinterlassen. Viele tragen ein Geheimnis mit sich, das weit in die polnische Geschichte zurückreicht.

Die 18-jährige Waisenmädchen Anna steht kurz vor ihrem Gelübde, als die Ordensmutter ihr von einer überlebenden Verwandten in der Stadt berichtet. Wanda will von ihrer Nichte nichts wissen, dennoch beschließt Anna, ihre Tante aufzusuchen, bevor sie sich endgültig für ein Leben mit Gott entscheidet. Das Treffen der beiden Frauen verläuft wenig herzlich. Wanda erklärt Anna, dass ihr richtiger Name Ida sei und ihre Eltern Juden waren, die im Krieg umgebracht wurden. Bevor das Mädchen den Schock verarbeiten kann, wird sie von der Frau auch schon wieder aus der Wohnung komplimentiert.

Wanda hingegen wäre froh, könnte sie ihre Vergangenheit einfach vergessen. Alkohol und wechselnde Männerbekanntschaften helfen dabei nicht. Früher, erklärt sie Anna bei ihrem zweiten Treffen, das dann doch noch stattfindet, sei sie als ”Rote Wanda” gefürchtet gewesen: die härteste Strafrichterin bei den stalinistischen Schauprozessen. Ihre Mitschuld am Tod unschuldiger Menschen hat sie längst akzeptiert. Doch ihr leidenschaftlicher Antifaschismus hat auch persönliche Opfer gebracht. Annas Besuch zwingt sie, sich noch einmal mit diesem Verlust auseinanderzusetzen. Also begibt sich das ungleiche Gespann auf eine Reise in die polnische Provinz und ihre gemeinsame Vergangenheit, um den Ort zu finden, an dem die Leichen von Annas Eltern vergraben wurden.


Mitte: Novizin Anna (Agata Trzebuchowska)

Pawlikowski erzählt von dieser Suche in nüchternen, sorgfältig komponierten Schwarzweiß-Bildern (gedreht im altmodischen 1:1.37-Format): eine Hommage an das polnische Nachkriegskino mit seinen prägenden Regisseuren Andrzej Wajda und Jerzy Kawalerowicz. Das Jahr 1962 markierte aber auch einen Wendepunkt im polnischen Kino. Roman Polanski debütierte mit Das Messer im Wasser und ebnete damit dem Neuen Polnischen Kino den Weg. Die Filmmusik stammte von Krzysztof Komeda, einem der einflussreichsten Jazzmusiker Polens.

Der historische Anker, den Pawlikowski mit seinem Film auswirft, findet also auf vielen Bedeutungsebenen eine formale Entsprechung. Auch Ida beschreibt einen Übergangsritus. Für Anna ist es ein coming of age und gewissermaßen ein coming of belief. In Ida treffen zwei Generationen von Frauen aufeinander, wobei die Rollenverteilung wie so vieles bei Pawlikowski in der Schwebe bleibt. Wanda verkörpert ideologisch zwar noch den Stalinismus (und sein Scheitern), sie ist es aber auch, die Anna durch die Jazzclubs schleift. Ihre melancholische Bohème-Existenz findet Anschluss im polnischen Kino der frühen sechziger Jahre, das sich langsam von der neorealistischen Prägung der Nachkriegsjahre löste und stärker vom Leben in den Städten beeinflusst war. Diese Spur nimmt Pawlikowski diskret auf, ohne seinen wunderbar stillen, konzentrierten Film thematisch zu überfrachten.


Agata Kulesza (Wanda Gruz), Agata Trzebuchowska (Anna)

Die Identitätskrise zweier Frauen (Anna als jüdische Nonne, Wanda als gesellschaftliches Relikt in einer neuen Zeitrechnung) erschüttert Gewissheiten, so wie Pawlikowski, der im Alter von 14 Jahren sein Land verließ, an anderer Stelle auch das polnische Selbstverständnis als antifaschistische Nation infrage stellt. Niemand in Ida ist frei von Schuld. Dieses hochreligiöse Motiv löst Pawlikowski in einer kargen, von den Filmen Carl Theodor Dreyers beeinflussten Bildsprache auf, ohne daran einen moralischen Diskurs festzumachen. Der Titel Zwei Frauen wäre für seinen Film ebenso zutreffend. Er handelt von Menschen im Widerspruch mit ihrem Handeln, im Widerstreit von Tradition und Moderne. Pawlikowski liefert keine Nachbetrachtungen zu seinem historischen Sujet, aber die Konflikte seiner Figuren sind so nuanciert und emphatisch geschildert, dass sein Film eine zeitlose Gültigkeit besitzt.

Andreas Busche: Die Zeit

Polen / Dänemark / Frankreich / Großbritannien 2013. Produktionsfirmen: Opus Film / Phoenix Film Investments. In Verbindung mit Portobello Pictures. Koproduktion: Canal+Polen, Polnisches Filminstitut, Eurimages, Dänisches Filminstitut, Stadt Lodz. Film entwickelt von MEDIA-Programm der Europäischen Union. Koproduktion: Phoenix Film Poland. Internationaler Vertrieb: Fandango Potobello Sales. Producer: Eric Abraham, Piotr Dzieciol, Ewa Puszczynska. Koproducer: Christian Falkenberg Husum. Line Producer: Magdalena Malisz. Associate Producer Denmark: Sofie Wanting Hassing. Regie: Pawel Pawlikowski. Drehbuch: Pawel Pawlikowski, Rebecca Lenkiewicz. Chefkameramänner: Lukasz Zal, Ryszard Lenczewski. Produktionsdesign: Katarzyna Sobanska, Marcel Slawinski. Art Director: Jagna Dobesz. Kostümdesign: Aleksandra Staszko. Maske: Anna Niuta Kieszczynska, Tomasz Sielecki. Storyboard: Katarzyna Bogdanska. Schnitt: Jaroslaw Kaminski. Special Effects Producer: Robert Stasz, Michal Truszkowski. Originalmusik, Musikberater: Kristian Selin Eidnes Andersen. Pianist: Krzysztof Brzezinski. Vocals: Joanna Kulig. Supervisor des Tonschnitts:

Claus Lynge. Stuntkoordinator: Maciej Maciejewski. Stuntdarsteller: Andrzej Poneta. Titel: Radek Rekita. Casting: Alina Falana. Religiöse Beraterin: Malgorzata Parzynowska. Digitale Postproduktion: DI Factory. Special Thanks: Agnieszka Holland, Lee Hall, Alfonso Cuarón, Jerzy Skolimowski, David Elstein.

Darsteller: Agata Kulesza (Wanda Gruz), Agata Trzebuchowska (Ida Lebenstein, Schwester Anna), Dawid Ogrodnik (Lis), Joanna Kulig (Sängerin), Jerzy Trela (Szymon Skiba), Adam Szyszkowski (Feliks), Halina Skoczynska (Mutter Oberin), Dorota Kuduk (Kaska), Natalia Lagiewczyk (Bronia), Afrodyta Weselak (Marysia), Mariusz Jakus (Barman), Izabela Dabrowska (Bedienung), Artur Janusiak (Polizist), Anna Grzeszczak (Nachbar), Jan Wojciech Poradowski (Fater Andrew), Konstanty Szwemberg (Funktionär), Pawel Burczyk (Kläger), Artur Majewski (Wandas Liebhaber), Krzysztof Brzezinski (Pianist), Lukasz Jerzykowski (Gitarrist) u.a.
Vorführformat: DCP. Schwarzweiß. Bidseitenverhältnis: 1:1,37. Sound: Dolby Digital. Uraufführung: September 2013, Gdynia Film Festival. Deutscher Kinostart: 10.4.2014. Deutscher Kinoverleih: Arsenal Filmverleih GmbH.

Auszeichnungen (Auswahl): Oscar für den besten fremdsprachigen Film; Europäischer Filmpreis in den Kategorien Bester Fllm des Jahres, Regie, Drehbuch und Kamera; Polnischer Filmpreis in den Kategorien Bester Film, Regie, Darstellerin (Agata Kulesza) und Produktionsdesign (Gdynia Film Festival).