Nächster Film
Dienstag, 21. August 2018, 20.00 Uhr
ROOM
Deutscher Titel: Raum

Drama mit Brie Larson, Jacob Tremblay, Joan Allen
Chefkameramann: Danny Cohen
Musik: Stephen Rennicks
Drehbuch: Emma Donoghue
nach ihrem gleichnamigen Roman
Producer: Ed Guiney, David Gross
Regie: Lenny Abrahamson
Irland / USA 2015, 118 Min.

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Lenny Abrahamsons Spielfilm Room zeigt das Leben einer Frau und eines Kindes nach jahrelanger Gefangenschaft. ”Ein atemberaubendes und meisterhaft gespieltes Psychodrama, für das die Hauptdarstellerin Brie Larson den Oscar und viele weitere Auszeichnungen bekam” (Frankfurter Allgemeine).

Die Kerkerexistenz als Normalfall: Brie Larson als Joy, Jacob Tremblay als Jack

Jack hat ein animistisches Verhältnis zur Welt: Die Dinge sind ihm Freunde, herzlich grüßt er Spülbecken, Stuhl eins und Stuhl zwei, Toilette, Kleiderschrank und all das andere Inventar in Raum, jenem engen Zimmer, das gleichfalls von ihm geduzt und stets ohne bestimmten Artikel angesprochen wird, denn es gibt in Jacks Leben eben nur dieses eine Zimmer. Die Grenzen seiner Sprache bezeichnen die Grenzen seiner Welt. Genau sechs Jahre lebt er in Raum, als der Film ansetzt: mit der Geburtstagsfeier, die seine Mutter Joy ihm ausrichtet. Dabei lernt er erstmals Kuchen kennen.

Nicht, daß Jack Kuchen als abstrakte Größe nicht gekannt hätte; es gibt einen Fernseher in Raum, und so weiß der kleine Junge genau zwischen wirklichen und fiktiven Objekten und auch zwischen wirklichen und fiktiven Menschen zu unterscheiden. Nur ist für Jack alles fiktiv, was nicht in Raum enthalten ist, denn es gibt dort auch kein Fenster nach draußen außer einer Oberlichtluke, die aber nichts als Himmel sehen läßt. Als einmal ein Blatt darauf liegenbleibt, ist das eine Sensation im Leben des Sechsjährigen.

Was der irische Regisseur Lenny Abrahamson in seinem Film ”Room”, für den die kanadische Schriftstellerin Emma Donoghue ihren gleichnamigen Roman zum Drehbuch umgearbeitet hat, veranstaltet, müßte man statt Kammerspiel Zellenspiel nennen. Denn Jack und seine Mutter sind eingesperrt in Raum, Joy noch ein Jahr länger als ihr Sohn, denn sie wurde als Siebzehnjährige von einem Mann verschleppt, der sie seitdem im kleinen Schuppen hinter seinem Haus versteckt hält. Wann immer dem Kerkermeister danach ist, bedient er sich der jungen Frau zur Triebabfuhr, und nur bei diesen Gelegenheiten bringt er Lebensmittel und andere unbedingt notwendige Güter mit in Raum. Nach den Vergewaltigungen verschwindet er wieder und läßt Joy und Jack hinter der durch ein Zahlenschloß verbarrikadierten Tür zurück; die technische Durchführung der Einkerkerung gleicht dem Modell, das Karen Duve gerade erst in ihrem Roman ”Macht” entfaltet hat.

”Room” nimmt radikal die Perspektive der Opfer ein, und trotzdem haben Abrahamson und Donoghue im Gegensatz zu Duve keinerlei politische Agenda. Es geht ihnen um ein Psychodrama, das seinen Höhepunkt schockierenderweise nicht im Zellenraum findet, sondern nach der Befreiung. Denn nun warten draußen nicht nur Joys Eltern (deren Ehe seit dem Verschwinden der totgeglaubten Tochter zerbrochen ist) und die naturgemäß höchst interessierte Öffentlichkeit, sondern es wartet dort auch all das, was Jack zuvor nur aus dem Fernseher kannte. Wie sich der Junge ins Leben einer fremden Welt hineintastet, ist der eigentliche Gegenstand von ”Room”.


Jacob Tremblay (Jack)

Und seine Meisterleistung besteht darin, daß wir als Zuschauer uns auf genau dieselbe Weise ins Leben von Jack hineinfinden müssen, von dem wir zu Beginn nicht einmal sicher sagen könnten, ob er ein Junge ist, denn mit Haareschneiden hat sich Joy nicht aufgehalten. Zudem ist der unglaubliche Jacob Tremblay, der bei den Dreharbeiten acht Jahre alt und zuvor nur im zweiten Teil des Trick- und Realfilmgemischs ”Die Schlümpfe” aufgetreten war, der jungen Brie Larson, die seine Mutter spielt, wie aus dem Gesicht geschnitten. Sein Jack ist auch genauso stark wie Joy, die in den sieben Jahren ihres Leidensweges alles dafür getan hat, ihrem Sohn Normalität zu ermöglichen.

Das hat sie nur geschafft, indem sie den Ausnahmezustand der Kerkerexistenz zum Normalfall erklärte, und deshalb läßt sie bei jedem Besuch ihres Peinigers den Jungen im Schrank verschwinden. Dadurch erspart uns Abrahamson im Bündnis mit Danny Cohens ganz auf Jack fixierter Kamera jede voyeuristische Szene, steigert aber noch die Beklemmung der Konstellation, die dann nach der Befreiung sichtbar wird, als es Joys Vater - William H. Macy leistet in bestenfalls fünf Leinwandminuten eine schauspielerische Tour de force - nicht möglich ist, seinen Enkel, dieses aus einer Vergewaltigung entstandene Kind, auch nur anzusehen. Erst da wird das ganze Dilemma dieses neuen Lebens deutlich, und als Joy in ihrem ersten Fernsehinterview gefragt wird, warum sie ihren Entführer nicht gebeten habe, Jack noch als Baby freizusetzen, versteht sie erst nicht einmal die Überlegung, die dahinter steht, denn ihr Sohn war doch das Einzige, was ihr die Haft erträglich gemacht hat.

Mit jeder Minute seiner zwei Stunden steigert ”Room” die Spannung, weil wir mit Jack dessen neue Welt finden müssen und dabei so vieles mit ihm lernen: daß etwa ein sechsjähriges Kind noch keine Treppen laufen kann, auch wenn es sie aus dem Fernsehen kennt. Und daß für ein Kind auch die Hölle lebenswert sein kann, solange ihm das Wissen um die Teuflischkeit ihrer Konstruktion erspart bleibt. Das ermöglicht zu haben ist Joys große Tat, und Brie Larson macht glaubhaft, daß es gelingen kann. Nicht nur, weil Jodie Foster in ”Panic Room” die vergleichsweise intensive Darstellung räumlicher Beeinträchtigung gelungen ist, erinnert die sechsundzwanzigjährige Larson extrem an sie. Den Oscar als beste Schauspielerin hat sie nun - verdientermaßen - auch schon.

”Room”, diese vordergründige Variation auf Kaspar Hauser und Natascha Kampusch, ist hintergründig eine Sensation, auf die man nicht einmal durch Abrahamsons grandiosen Vorgängerfilm ”Frank” vorbereitet war, in dem ein Sänger sich nur durch eine groteske Maske geschützt der Welt stellen konnte. Jack steht ihr nun so ungeschützt gegenüber, wie man es sich nur denken kann. Doch Joys Liebe zu ihm war eine Bastion. Nach dem Verlassen von Raum wird sie notgedrungen geschleift. Deshalb muß nun Jack das führen, was wir Leben nennen. Daß es dafür Raum braucht, ist die böse Doppeldeutigkeit dieses Films.

Andreas Platthaus: Frankfurter Allgemeine Zeitung

Die Zukunft ist ungewiß aber frei: Mutter (Larson) und Kind (Jacob Tremblay)

The cramped 11-by-11-foot interior of a sealed, sound-proof garden shed isn’t the only thing keeping a boy and his mother prisoner in ”Room,” a suspenseful and heartrending drama that finds perhaps the most extreme possible metaphor for how time, regret and the end of childhood can make unknowing captives of us all. It’s a testament to the story’s underlying integrity that, even when deprived of some of the elements that made Emma Donoghue’s 2010 book so gripping, director Lenny Abrahamson’s inevitably telescoped but beautifully handled adaptation retains considerable emotional impact as it morphs from a taut survival thriller into a hauntingly conflicted drama of loss, mourning and gradual reawakening. With enough critical favor (especially for Brie Larson’s superb lead performance), plus a savvy marketing campaign that emphasizes the story’s killer hook, A24 might just have the call-your-mom-sobbing-afterward movie of 2015 on its hands.

It was wise to hand the task of adapting Donoghue’s Man Booker Prize-shortlisted novel to the author herself, who surely knew better than anyone just how tricky it would be to retell her story without her most essential tools: chiefly, a mastery of language and interior monologue that kept us firmly locked inside the head of the story’s 5-year-old protagonist. For a reader diving into ”Room” with no prior knowledge of its premise, it may well take more than a few pages to grasp the precise nature of what’s going on, so artfully does Donoghue mimic the voice of a small boy who has never been allowed to set foot in the outside world - and who indeed has no understanding of what ”outside” and ”world” even mean.


Das Draußen ist die wahre Herausforderung für Jack: Brie Larson, Jacob Tremblay

The film, by contrast, has no recourse but to give us an immediate view of this enclosed space, though Abrahamson and his gifted cinematographer Danny Cohen do a fine job of keeping as much concealed as possible. Lensed in dingy, muted colors and tight, widescreen closeups that deliberately frustrate our sense of space, the film places us in extremely close quarters with Jack (Jacob Tremblay) and Ma (Larson), the only other person he’s ever seen or spoken to. They spend every waking minute together in the room - or Room, as they call it, Jack having no awareness that there might be others like it. In these spare, grubby environs (expertly arranged by production designer Ethan Tobman), every object, like Table and Toilet and Sink, is not just a functional item but a friend. But no one is a better friend to him, of course, than Ma, and we watch with growing tenderness and trepidation as she attends to Jack’s every need: running him through a morning exercise routine, playing games with him, reading books to him, giving him a bath, fixing him a simple meal, and even baking him a cake to celebrate his fifth birthday. [...]

Justin Chang: Variety, New York