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Dienstag, 4. Februar 2020, 17.30 und 19.30 Uhr
HONEYLAND
Land des Honigs
Zweifach Oscar-nominiert
Oscar-Verleihung am 9.2.2020

Deutscher Titel: Land des Honigs
Originaltitel: Medena Zemja
Ein Film von Ljubomir Stefanov und Tamara Kotevska
Producer: Atanas Georgiev
Kamera: Fejmi Daut, Samir Ljuma
Musik: Foltin
Nordmazedonien 2018, 85 Min.
Originalversion mit deutschen Untertiteln

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Ein bildgewaltiger Dokumentarfilm über eine traditionell lebende Imkerin in einem entlegenen mazedonischen Dorf, deren Ruhe von einer Nomadenfamilie gestört wird. ”Den Filmemachern gelingt ein einzigartiger Einblick in eine im Verschwinden begriffene Lebensweise und eine kluge Reflexion über die untrennbare Verknüpfung einer Landschaft mit ihren menschlichen und tierischen Bewohnern” (epd film). ”Zwischen den Felsspalten, in denen die Bienen wohnen, bringen die beiden Filmemacher eine allegorische Natur zum Blühen, die ihrem hinreißend visualisierten Debüt eine subtile Kraft verleiht” (Variety, New York).
Hatidze versorgt ihre handgemachten Bienenkörbe.

In einem entlegenen mazedonischen Dorf steigt Hatidze, eine etwa 50-jährige Frau, täglich einen Berghang hinauf. Sie macht sich auf den Weg zu ihren zwischen den Felsspalten lebenden Bienenvölkern. Ohne Gesichts- oder Handschutz entnimmt sie sanft die Honigwaben und singt dabei ein uraltes Lied. Zurück auf ihrem Bauernhof kümmert sich Hatidze um ihre handgemachten Bienenkörbe und ihre bettlägerige Mutter. Gelegentlich fährt sie in die Hauptstadt, um ihren Honig und die Körbe zu verkaufen. Eines Tages lässt sich eine Nomadenfamilie auf dem Nachbargrundstück nieder, und in Hatidzes beschauliches Bienenkönigreich ziehen schallende Motoren, sieben kreischende Kinder und 150 Kühe ein. Doch Hatidze freut sich über die neue Gesellschaft und lässt weder sich noch ihre bewährte Imkerei oder ihre Zuneigung zu den Tieren stören. Doch bald trifft Hussein, das Oberhaupt der zugezogenen Familie, Entscheidungen, die Hatidzes Lebensweise für immer zerstören könnten.

Wie kaum ein anderer Dokumentarfilm erzählt Honeyland eine grandiose und wahrhaftige Naturgeschichte. Mit den Mitteln filmischer Poesie stellen die Regisseure die Biene ins Epizentrum eines fundamentalen Widerspruchs unserer Zeit. Honeyland spürt den Veränderungen nach, die sich in die Beziehung zwischen Mensch und Biene eingeschlichen und damit unser aller Welt für immer verändert haben.

Ein Nomadenkind sucht Hatidzes Freundschaft.

Sie trägt, wenn sie loszieht zum Honigsammeln, nur selten Maske und keine Handschuhe, braucht keinen Schutz vor den fröhlich wuselnden Bienen. Mit behutsamen Bewegungen holt sie die Waben aus den Felsenritzen, an den steilen, schwer zugänglichen Hängen des Gebirges in Nordmazedonien. Halbe-halbe macht Hatidze mit den Bienen, sie lässt ihnen die Hälfte des von ihnen produzierten Honigs, und der, den sie mit hinunternimmt und verkauft auf dem Markt in Skopje, ist besonders intensiv und gut. Ein Film der Selbstgenügsamkeit.

Hatidze muss früh los, auf schmalen Pfaden, durch widerspenstiges Gebüsch, ohne Sicherung, und die Filmemacher Ljubomir Stefanov und Tamara Kotevska bleiben dicht dran mit ihrem Team, Kamera- und Tonmann, sie schmiegen sich an die schmalen Vorsprünge, und immer ist in ihren Bildern die Wendigkeit Hatidzes ausbalanciert mit der Weite und Leere und Schönheit dieses Landes. Keine Sekunde kommt einem, wenn man diesen Film sieht, die übliche allzu kluge Unterscheidung zwischen Dokumentar- und Erzählfilm in den Sinn. Nirgendwo ist hier das Erzählen vom Erzählten abgesondert, dem Leben Hatidzes und ihrer Mutter. Erfahrung, die von Mund zu Mund geht, schrieb Walter Benjamin, ist die Quelle, aus der alle Erzähler geschöpft haben. Das ist die Zukunft des Kinos, sagt Tamara Kotevska: Fiktion, die wie Dokumentation, Dokumentation, die wie Fiktion aussieht.

Hatidzes Hemd hat die Farbe der Sonnenblumen. Honigfarben ist dafür das Licht der Dämmerung. Schwarz wie die Nacht ist es in der Hütte, wo die Frauen leben. Das Dorf drumherum ist verlassen, es gibt keine Elektrizität, keine Straßen, kein fließend Wasser. Die Mutter sieht nichts mehr und wälzt sich auf dem Bett herum. Ich werde nicht sterben, darauf beharrt sie. Mit Vergnügen mampft sie eine Banane, die Hatidze aus Skopje mitbrachte.

Ein halbes Jahr hatten Ljubomir Stefanov und Tamara Kotevska sich kundig gemacht über Hatidze, hundert Tage haben sie gedreht, verteilt über drei Jahre, manchmal arbeiteten sie getrennt, mit jeweils einem der beiden Kameraleute. Mit einem besonders geländetauglichen Fahrzeug kamen sie immer wieder, übernachteten in Zelten. Den türkischen Dialekt, der in dieser Gegend gesprochen wird, verstanden sie nicht, die erste Schnittfassung fertigten sie allein auf Grund der Körpersprache der Personen. Der fertige Film wurde beim Sundance-Festival ausgezeichnet und ist Nordmazedoniens Beitrag für den Oscar.

Am Ende des Tages: Hatidze in ihrer Hütte in den mazedonischen Bergen.

Zwei Frauen allein, in Freiheit und Unabhängigkeit. Dann kommt ein Mann, Hussein, ein Nomade. Ein Vater, seine Frau, sieben Kinder, ein Campingwagen, eine Rinderherde. Mit ihm kommt das Patriarchat in die Fraueneinsamkeit. Es wird laut, die Kinder spielen und toben am Fluss, sie rutschen aus im Dreck, aber Hatidze kommt gut mit ihnen aus. Der Mann will auch ins Honiggeschäft, ohne halbe-halbe aber. Die Händler aus der Stadt blättern ihm Scheine in die Hand, sie wollen immer mehr. Wir verurteilen ihn nicht, sagen die Filmemacher, es ist das System, das wir verurteilen. Einen der Jungen zieht es zu Hatidze, er lässt sich zeigen, wie sie das macht mit den Bienen. Erfahrung, die von Mund zu Mund geht. [...] Es ist kein Film mit einer Öko-Botschaft, kein simpler ”Rettet-die-Bienen”-Beitrag, zur aktuellen Stimmungslage. Gesellschaft und Natur sind in komplexer Balance. Und Hatidze ist fröhlich extrovertiert. Nicht sie haben mich gefunden, sagt sie von den Filmemachern, ich habe sie gefunden. Ein Film der Selbstgenügsamkeit.

Fritz Göttler: Süddeutsche Zeitung
Die Filmemacher

Tamara Kotevska: Geboren 1993 in Prilep, Nordmazedonien. Studierte ab 2012 Regie an der Faculty of Dramatic Arts in Skopje. Seit dem Abschluß arbeitet sie als freiberufliche Regisseurin für Dokumentar- und Spielfilme. 2015 wurde sie als Talent der von der Berlinale initiierten Plattform ”Talent Campus” im Rahmen des Festivals in Sarajevo ausgewählt. Zur Zeit lebt sie in Skopje.-Filmografie (Auswahl): 2005 The Noisy Neighbours, Kurzfilm; 2017 Lake of Apples, Kurzfilm; 2018 Honeyland, Langfilm.

Ljubomir Stefanov: Geboren 1975 in Skopje, Mazedonien. Hat über 20-jährige Erfahrung in der Entwicklung und Produktion von Kommunikationsstrategie und Dokumentarfilmen zu Umwelt- und Humanentwicklungsthemen. Zu seinen Auftraggebern gehören unter anderem UN-Einrichtungen, die Stiftung Europäisches Naturerbe ”EuroNatur” und die Stiftung zur Förderung der internationalen Entwicklungszusammenarbeit ”Swisscontract”.

Hatidze vermitellt ihre Kunst des Bienenzüchtens.

”Die Geschichte von Honeyland begann lange bevor Menschen die Region besiedelten, aber unsere Geschichte mit den letzten zwei verbliebenen Bewohnern: Hatidze und ihre Mutter Nasife. So wie Arbeitsbienen ihr ganzes Leben damit verbringen, sich um die Bienenkönigin zu kümmern, die den Bienenstock nie verläßt, hat Hatidze ihr eigenes Leben der Pflege ihrer blinden und gelähmten Mutter gewidmet. Der Film spielt in einem unheimlichen Land, ungebunden an eine bestimmte Zeit und Geografie, unzugänglich durch das Straßennetz und doch nur 20 km von der nächsten Stadt entfernt. Die Familien hier sprechen eine alte türkische Landsprache, so daß der Film eher von visueller Erzählung als von Dialog geprägt ist und die Charaktere durch ihre Körpersprache, ihre Beziehungen zueinander und ihre Emotionen verstanden werden. Diese optische und intuitive Kommunikation zieht das Publikum näher an die Protagonisten und vor allem an die Natur und vermittelt das Gefühl, daß wir als Menschen nur eine Spezies unter vielen sind, die gleichermaßen von den Umständen um sie herum beeinflußt werden. Das Protokoll von Nagoya - ein Übereinkommen der Vereinten Nationen über die biologische Vielfalt (CBD) - trat Ende 1993 in Kraft und legte globale Richtlinien für den Zugang zu natürlichen Ressourcen fest. Ziel war die Förderung einer gerechten Aufteilung der Leistungen unter Anbietern bzw. Boden, Pflanzen, Tieren und Verbrauchern, eben den Menschen.”

Nordmazedonien 2019. Produktionsfirmen: Pharmachem - Skopje / Apolo Media / Trice Films. Mit Unterstützung der Swiss Ageny for Development and Cooperation SDC, Nature Conservation Programme in Macedonia - NCP, Project of the Swiss Agency for Cooperation and Developmnt SDC und Macedonian Film Agency und SFFilm Documentary Film Fund. Ermöglicht durch SFFILM Invest. Ein Programm von SFFILM und Cinereach. Producer: Atanas Georgiev. Kamera: Fejmi Daut, Samir Ljuma. Sound Design: Rana Eid. Musik: Foltin. Musik-Producer: Ivica Jankulovski. Schnitt: Martin Ivanov, Blagoja Nedelkovski. Geräuschemacher: Francois Yazbeck. Darsteller: Hatidze Muratova, Nazife Muratova, Hussein Sam, Ljutvie Sam.

Die 55jährige lebte mit ihrer altersschwachen Mutter Nazife.
Auszeichnungen (Auswahl)

Grand Jury Prize, Spezialpreis der Jury und Cinematography Award beim Sundance Film Festival, Park City, Utah; Preis des New York Film Critics Circle für besten Non-Fiction-Film; Golden Athena für besten Dokumentarfilm beim Athens International Film Festival; Special Jury Price beim Sarasota International Film Festival; Jury Award beim Berkshire International Film Festival; Erstlingspreis bei den Cinema Eye Honors Awards; Criticsʼ Choice Documentary Awards; Best International Film beim DocAviv Film Festival; TV3-Preis DocsBarcelona für besten Dokumentarfilm; Pare Lorentz Award der International Documentary Association; Grand Prix Bank Millenium Award, The Mayor of Gdynia Award für besten Dokumentarfilm und Bydgoszcz ART.DOC Award; Bruce Sinofsky Prize für langen Dokumentarfilm beim Montclair Film Festival; Golden Gateway Award beim Mumbai Film Festival; Bellona Prize und Environmental Law Organization’s Prize beim Message to Man Film Festival in Sankt Petersburg; Preis für besten Dokumentarfilm und Kritikerpreis beim Filmfestival in São Paulo; Green Spike beim Valladolid International Film Festival; zwei Oscar-Nominierungen; Nominierung für den Europäischen Filmpreis; Nominierungen für das San Franciski International Film Festival und für den Phoenix Award beim Filmfestival Cologne; Nominierung für den Dokumentarfilmpreis der Directors Guild of America.

Vorführformat: DCP. Sound-Mix: 6-Track Stereo. Locations: Skopje, Nordmazedonien. Gefilmt über einen Zeitraum von vier Jahren. Uraufführung: 28.1.2019, Sundance Film Festival, Park City, Utah. Mazedonische Erstaufführung: 29.8.2019, Makedox Festival. Deutsche Erstaufführung: 16.5.2019, Dok.fest München. Deutscher Kinostart: 21.11.2019. Deutscher Kinoverleih: Neue Visionen Filmverleih GmbH.

Vorher:

Balkan Boogie
13½ Min.

”Eine Hommage an Musik und Tanz der Zigeuner auf dem Balkan, die doch viel mehr ist als das” (Frankfurter Allgemeine). - ”Dem Zuschauer offenbart sich eine faszinierende Welt der Musik und des Tanzes” (FBW).

Deutschland 2001. Film von Joachim Kreck und Detelina Grigorova-Kreck. Produktionsfirma: Joachim Kreck Film- und Fernsehproduktion. Förderungen: FFA, BKM. Musik: gespielt von Filip ”Fekata” Simeonov (cl) mit seiner Band ”Trastenik”. Kamera: Peter Herrmannsdörfer. Zusätzliche Aufnahmen: Pavel Schnabel, Schoro Nedelkow, Nikolai Mintschew. Ton: Peter Rafailov, Hubertus Rath, Michael Zech. 35 mm. Eastman Color. Dolby Digital und SR. FBW- Prädikat: ”Wertvoll”.