N├Ąchster Film
Dienstag, 21. Januar 2020, 19.30 Uhr
Wiesbadener Erstaufführung
BAIT

Mit Edward Rowe, Mary Woodvine, Giles King, Simon Shepherd, Chloe Endean, Janet Thirlaway
Producer: Kate Byers, Linn Waite
Drehbuch, Regie, Kamera, Filmschnitt: Mark Jenkin
Großbritannien 2018, 89 Min.
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Seit den 1960er Jahren setzt der britische Independentfilm mit seinem sogenannten ”Kitchen-Sink”-Realismus Impulse für eine Ästhetik, die mittlerweile in Filmen aus aller Welt anzutreffen ist - je mehr man sich der Realität visuell annähert, desto authentischer der Einblick ins Leben einfacher Leute, so die Annahme. Mit Bait kommt nun aber ein Film aus England, der mit seinem eigenwilligen expressionistischen Stil mit dieser Tradition bricht und trotzdem die gleiche humanistische Wucht an den Tag legt, für die man den britischen Film eben liebt. (epd Film.)

Isaac Woodvine als Neil Ward

Barthaar, dichtes Barthaar. Die zischende Gischt, ein tuckernder Fischkutter, hin und her geschüttelt von den Wellen wie eine Nußschale, ein Südwester wird vom Hacken in einem Schuppen an der Hafenmole genommen. Nein, er wird eher heruntergerissen im Brast. Bait (Köder) heißt das neue Werk des britischen Regisseurs (und Filmwissenschaftlers) Mark Jenkin, und die Welt der Fischerei spielt hier eine tragende Rolle. In schneller Folge, fast wie in einem Flickerfilm, sieht man karge Verrichtungen aus der Arbeitswelt, in einer Ästhetik, die nichts beschönigt. Jenkin gelingt mit Bait einen der Überraschungsfilme der Berlinale 2019. Wobei, der britische Film hat in Berlin eigentlich einen schweren Stand. Kein Vergleich mit der Präsenz von Werken der Grande Filmfördernation Frankreich. Lange galt: Wer was werden will im britischen Film, muß irgendwann nach Hollywood wechseln.

Mark Jenkin ist in Cornwall geblieben und unterrichtet an der Universität Falmouth. In Cornwall sind alle seine Werke angesiedelt, auch sein neuer Spielfilm: Er spielt in einem Fischerdorf an der Küste. Die Einheimischen sind untereinander zerstritten: Die einen setzen auf Tourismus als Einnahmequelle, die anderen mühen sich mit der Fischerei ab.

In Bait verläuft dieser Zwist durch eine Familie. Die Gebrüder Martin und Steve Ward sind abhängig von der See. Martin versucht, als Fischer am Ball zu bleiben, kämpft mit immer magereren Erträgen und schlechtem Equipment, während Steve den alten Kutter des Vaters zum Ausflugsdampfer umgestaltet hat, die stumpfen Party-Touristen an Bord, wie die Pest haßt und seinen Bruder gleich mit. Auch Neil, Martins Sohn, muß mithelfen. Aber es reicht vorne und hinten nicht. Das alte Haus ihres Vaters ist zu einer ”Cottage”-Ferienwohnung umgestaltet, im Besitz der Hauptstadfamilie Leigh, die Eheleute Tim und Sandra und ihre beiden Kinder tragen den Upperclass-Weltekel schon im Gesicht.


Edward Rowe als Martin Ward

Bait findet für die ungleiche Verteilung von Wohlstand eine sehr poetische Erzählform: brachiale Schnitte, blitzartige Rückblenden, Dialoge, die abrupt gegeneinander geschnitten werden, erzeugen einen Sog. Eingerahmt ist die rauhe Welt an der Küste Cornwalls mit grobkörnigen Bildern, gedreht im 16-mm-Schwarzweiß-Format mit einer Bolex-Kamera. [...] Und seine rudimentäre Form treibt die Erzählung vor sich her. Wir sehen ein Seil, das zu einem Seemannsknoten vertäut wird. Sinnbild für die Figuren, die auf Gedeih und Verderb miteinander verknüpft sind.

Löchrige Fischernetze, die repariert werden müssen, manche Szenen werden nur angedeutet, weggeblendet. Der Anker als Türschmuck am Cottage, Galionsfiguren an der Wandtäfelung im Pub, Gummipoller am Kai, kabbeliges Brackwasser, aber auch Hummer im Topf und Weißwein im Glas, und wir ahnen, das hier geht nicht gut aus. Irgendwann fliegen die Fäuste.

Geld spielt eine wichtige Rolle in dem Film. Martin spart, damit er sich einen neuen Kutter kaufen kann. Den Leighs ist das egal. Sie verlangen von Martin, er solle seinen verbeulten Pick-up-Truck gefälligst woanders parken als vor ihrem Feriendomizil. Geht aber nicht, das Auto hat von der Polizei eine Parkkralle bekommen. Der Strafzettel ist zu teuer, Autos markieren hier den Klassenunterschied: [...]

Die Mühsal der Arbeitswelt fließt methodisch in die Dialogszenen ein: Wie behutsam die zappelnden Fische aus dem Netz gefieselt werden müssen, damit es nicht zerreißt. Mark Jenkin gelingt es, etwas Spirituelles in den Bildern unterzubringen, als würden die Seeungeheuer in den Bildern an der Wand im Pub lebendig werden und schützend in die Handlung eingreifen. Als hätte die dickschädelige Art der Locals gegen die Gutsherrenart der poshen Out-of-towners eine Chance.

Bait mischt die Kammerspiel-Beschaulichkeit von alten britischen Kitchen-Sink-Dramen mit der strengen Ästhetik eines Robert Bresson: Wie beim Billard wird hier über Bande gespielt und etwas Neues angestoßen. Und vom Meeresboden ruft der Geist von Nicolas Roeg. Den unheimlichen Rest erledigt der subkutane Drone-Soundtrack mit einem Harmonium als tragendem Instrument.

Julian Weber: taz. die tageszeitung

Giles King als Steven Ward, im Hintergrund Edward Rowe als Martin Ward

The prevalent mode of psychologically focused rural drama in British narrative cinema - seen in Clio Barnard’s Dark River (2017), Francis Lee’s God’s Own Country (2017) and Paul Wright’s supernaturally tinged For Those in Peril (2013), to name a few - tends towards impressionistic realism, emphasising the concrete everyday world and characters╩╝ often melancholic interiority in roughly equal measure. Bait, a first feature by Cornish writer-director Mark Jenkin, is a striking departure from this norm: it deals in no-nonsense terms with starkly abrasive emotional registers; it roots its narrative in a specific socioeconomic experience and accompanying set of conflicts; and it flouts the familiar codes of non-demonstrative British realism by assertively highlighting its own filmic qualities and its makers╩╝ defiantly samizdat stance.

Bait is proudly described by its producers as a ”handmade feature film” - and for once this isn’t run-of-the-mill faux-guerrilla rhetoric. Jenkin’s methods here are very much in keeping with the ‘Silent Landscape Dancing Grain 13╩╝ manifesto he devised in 2012. It rules include shooting on small gauge film, silently, in black and white; post-synching sound; ”subverting or ignoring genre constraints”; and - perhaps most important and most artistically stimulating, and certainly most pragmatically English sounding - working ”with a minimal degree of fuss”. While unmistakably Dogmeesque, the manifesto is hardly dogmatic: the final, 13th rule stipulates that filmmakers should break one of the previous 12.


Edward Rowe

Not explicitly stated in the manifeso but certainly central to Jenkin’s own practice and ethic, is the imperative of localism. Working with Cornwall-based cast and crew and operating in partnership with the School of Film and Television at Falmouth University, Jenkin shot and processed his feature himself. He filmed it in Charlestown and the Penzance area on 16mm black-and-white Kodak stock with a 1976 wind-up Bolex camera, and used unconventional processing materials including coffee, washing soda and vitamin C powder. This approach, imprinting Jenkin’s authorial signature directly into the grain of the film, yields consistenly extraordinary effects: scratches, little tempests of spots on the image, flashes of solarisation. Along with copious inserts of familiar things that take on a heightened objet trouvé quality (handcuffs, scuffed boots, fish heads on a plate), there are also images that are more conventionally aesthetic but nonetheless strikingly beautiful, framed as they are in an otherwise everyday context: dense banks of cloud on the horizon; the carved wooden faces that decorate the local pub; a young man crouched on the beach in rain gear, sky and sea behind him, which might almost have come out of another study of a fishing community, Visconti’s great neorealist drama La terra trema (1948) [...]

Jonathan Romney: Sight&Sound, London

Großbritannien 2018. Ein Mark-Jenkin-Film. Produktionsfirma: Early Day Films Ltd, Bristol. Produziert mit Unterstützung der School of Film and Television, Falmouth University. Producer: Kate Byers, Linn Waite. Associate Producer: Denzil Monk. Drehbuch, Regie, Kamera, Filmschnitt: Mark Jenkin. Produktionsdesign: Mae Voogd. Kostüm-Supervisor: Maria McEwan. Sound Design: Daniel Thompson.

Darsteller: Edward Rowe (Martin Ward), Mary Woodvine (Sandra Leigh), Giles King (Steven Ward), Simon Shepherd (Tim Leigh), Chloe Endean (Wenna Kowalski), Janet Thirlaway (Mrs Peters), Isaac Woodvine (Neil Ward), Martin Ellis (Billy Ward), Jowan Jacobs (Hugo Leigh), Georgia Ellery (Katie Leigh), Molly Hawkins (Sophie), Stacey Cuthrie (Liz Stewart), Tristan Sturrock (Brian Rikard), Janet Thirlaway (Mrs Peters), Morgan Val Baker (Husband), Billy Ward (Martin Ellis).

Vorführformat: DCP. Aufgenommen auf 16 mm, schwarzweiß. Bildseitenverhältnis: 1:1,31. Tonformat: Dolby Digital. Dreharbeiten: u.a. Hafen von Charlestown an der Südküste Cornwalls und in der Gegend von Penzance, Herbst 2017. Kinostart in Großbritannien: 18.8.2019; Kinoeinnahmen bis Anfang Oktober 2019: 264.000£. Deutsche Erstaufführung: 9.2.2019, Internationale Filmfestspiele Berlin - Forum. Deutscher Kinostart: 24.10.2019. Deutscher Kinoverleih: arsenal distribution.

Auszeichnungen

Preis für die beste Regie beim Stockhom Film Festival; Grand Prix und Publikumspreis beim T-Mobile New Horizons International Film Festival (Polen); Publikumspreis beim IndieLisboa International Independent Film Festival; Nominierungen für die British Independent Film Awards in den Kategorien Bester britischer Independentfilm, Regie, Schnitt und Breakthrough Producer.

Mark Jenkin

Geboren 1976. Aufgewachsen in Cornwall (England), wo er auch jetzt lebt. Von 1995 bis 1998 studierte er an der Bournemouth University. Seit 1997 hat er mehr als 50 Kurzfilme gemacht. Neben seiner Arbeit als Filmemacher ist Jenkin Lehrbeauftragter für das Fach Film an der Falmouth University in Cornwall. 2012 verfaßte er das aus 13 Regeln bestehende ”Silent Landscape Dancing Grain 13 Film Manifesto”, dem er bei der Realisierung seiner Filme folgt. Die Produktion Handmade-Filme wird seit 2016 vom British Council gefördert, darunter The Road to Zenner, der beim London Short Film Festival 2017 mit dem Preis für den besten Experimentalfilm ausgezeichnet wurde. Im selben Jahr lief beim Berliner Experimentalfilmfestival The Essential Cornishman (Special Mention). Langfilme: 2001 Golden Burn, 69 Min.; 2007 The Midnight Drives, 95 Min.; 2011 Happy Christmas, 109 Min.; 2016 A Forest, 82 Min.; 2018 Bait, 89 Min.

Vorher:
Eine Kohlenmine in Südwales (17 Min.)

Die Arbeit in einer kleinen privaten Mine in der südwalisischen Grafschaft Glamorgan. Arbeitsbedingungen und -methoden (Strecken- und Pfeilerabbau, Ponys zum Ziehen der Förderwagen) erinnern an das 19. Jahrhundert.

Deutschland 1983. Produktion, Regie: Joachim Kreck. Idee: Geoffrey Jones. Kamera: Merlyn Davies. Schnitt: Rüdiger Laske. Tonaufnahme: Mervyn Gerrard. Mischung: Michael Gerlach. Titel: Ian Moo-Young. Auszeichnungen: ”Gold Hugo” für den besten Dokumentarfilm beim Internationalen Filmfestival in Chikago; Deutscher Filmpreis; ”Mention de qualité” de la Cinématographie (Paris); FBW-Prädikat ”Besonders wertvoll” u.a.