Nächster Film
Freitag, 25. Mai 2018, 20.00 Uhr
Erstaufführung der Originalversion (mit Untertiteln)
Un beau soleil intérieur
Meine schöne innere Sonne

Komödie mit Juliette Binoche, Xavier Beauvois, Philippe Katerine, Josiane Balasko, Gérard Depardieu
Drehbuch: Christine Angot, Claire Denis
Producer: Olivier Delbosc
Regie: Claire Denis
Frankreich / Belgien 2017, 94 Min.

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Juliette Binoche spielt in einer beeindruckenden Performance eine attraktive Frau mittleren Alters auf der vergeblichen Suche nach der wahren Liebe. Regisseurin Claire Denis’ Film ist so intensiv wie nur wenige Liebesdramen, folgt aber zugleich einer komödiantischen Struktur. Sie reiht eine Szene der scheiternden Liebe an die nächste und verbindet dezent Situationskomik mit scharfem Wortwitz. Mit der Geschichte einer Frau, die sich zwischen einem verheirateten Mistkerl und einem viel jüngeren Playboy aufreibt, beweist Denis, wie lustig das Sprechen über Liebe sein kann.

Juliette Binoche als Isabelle: Pariser Malerin, geschiedene Mutter

Für das französische Wort ”salaud” gibt es viele Übersetzungen, von denen man keine gern einer anderen vorziehen möchte. In den deutschen Untertiteln von Claire Denis' neuem Film ”Meine schöne innere Sonne” (”Un beau soleil intérieur”) ist von einem ”Mistkerl” die Rede, das Wort ”Drecksack” wäre vielleicht sogar noch eine Nuance treffender gewesen. Isabelle, eine Malerin in mittleren Jahren, erzählt einer Freundin vom Sex mit einem ”salaud”. Es gab Zeiten, in denen sie schon bei dem Gedanken allein an das Wort einen Orgasmus hatte. Inzwischen löst der entsprechende Mann, ein Banker namens Vincent, nur noch Weinkrämpfe bei Isabelle aus. Das Gespräch über die Liebe, das passenderweise auf einer Damentoilette geführt wird, macht deutlich, daß Isabelle ein schwieriger Fall ist. Nicht schwieriger, als es die menschliche Sexualität insgesamt ist, wenn man die Sache nicht ganz so nüchtern sehen will wie der Philosoph Kant, der von dem Genuß schreibt, der dann entsteht, wenn ein Geschlecht ”Gebrauch von den Geschlechtsorganen des anderen macht”. In diesem Sinne wäre Vincent ein Kantianer. Isabelle hingegen ist Romantikerin, und eine anscheinend hoffnungslose noch dazu.

”Ich möchte wahre Liebe”, stöhnt sie an einer Stelle und greift sich dabei unwillkürlich zwischen die Beine. Wahre Liebe gibt es nicht ohne wahres Begehren - und ist das noch wirkliches Begehren, wenn sich der Mann seine Finger befeuchtet, bevor er sie in den Intimbereich wandern läßt? Die Begegnungen von Isabelle, in diesem konkreten Fall mit ihrem Ex-Mann, scheitern an allem Möglichen, und wenn sie einmal nach einer Nacht wirklich glücklich ist, dann wird sie eben bei der nächsten Begegnung enttäuscht, wo der betreffende Mann wieder der Säufer und Schwätzer ist, den sie für einen Moment dazu verführt hat, endlich den Mund zu halten.

”Meine schöne innere Sonne” ist ein Film von drei Frauen: Juliette Binoche vor der Kamera und Claire Denis als Regisseurin sowie der Schriftstellerin Christine Angot dahinter. Es gibt im französischen Film wohl keine Schauspielerin, die so sehr einen herkömmlichen Typus idealer Weiblichkeit verkörpert wie Juliette Binoche, die Anfang der achtziger Jahre in Jean-Luc Godards ”Maria und Joseph” auftauchte und seither sehr klug einen Mittelweg zwischen der Klassizität von Catherine Deneuve und der stärker zerebralen Sinnlichkeit von Isabelle Huppert gefunden hat. In der Zusammenarbeit mit Claire Denis hat sie sich nun einer Regisseurin anvertraut, die ihr eher experimentelles Temperament (”Beau travail”, ”Trouble Every Day”) hier diskret zum Ausdruck kommen läßt. ”Meine schöne innere Sonne” ist ganz der Präsenz von Juliette Binoche gewidmet, die sich einem wahren Reigen von Männern gegenübersieht - wenn es einen Geist gibt, aus dem diese Erzählung über das Mißverhältnis der Geschlechter vielleicht geboren ist, dann wäre Max Ophüls mit seinen Frauen- und Schnitzlerfilmen kein schlechter Ansatzpunkt.


Juliette Binoche, Nicolas Duvauchelle als Theaterschauspieler

Die Vorlage für ”Meine schöne innere Sonne” stammt von Christine Angot, von der nur wenig ins Deutsche übersetzt wurde. Ihre Bücher sind nicht selten von einer schmerzhaften Selbstreflexion gekennzeichnet. In ”Inzest” offenbarte sie sich als Opfer väterlichen sexuellen Mißbrauchs. Die Filmfigur Isabelle wirkt neben den literarischen Ichs in anderen Büchern von Christine Angot geradezu bürgerlich, was dann allerdings der Drecksack Vincent charakteristisch konterkariert. Isabelle, die Frau, die abends viel weint, wird von ihm mit einem kalten Satz beschieden: ”Nur Dienstboten weinen.”

Auf die Frage, ob eine Frau um die fünfzig ihr Liebesleben (in der ganzen anspruchsvollen Weite dieses Begriffs) schon hinter sich haben muß, antwortet ”Meine schöne innere Sonne” mit einer Galerie von männlichen Typen, die alle auf die eine oder andere Weise unfähig zur Liebe sind. Besonders traurig ist die Begegnung mit Sylvain, den Isabelle auf einer Tanzfläche in der Provinz kennenlernt. Er bekommt einen Auftritt, den Claire Denis mit einem trügerischen Pathos unterlegt: ”At Last My Love Has Come Along” von Etta James bildet das Motto für den Versuch von Isabelle, mit einem Mann aus einem anderen ”Milieu” ihr Glück zu finden. Bezeichnenderweise scheitert diese Beziehung, die vielleicht doch nur eine Affäre war, an ihr selbst: Sie lässt sich in diesem Fall von einem befreundeten Galeristen so verunsichern, daß sie einen Streit vom Zaun bricht, der genau zu der Trennung führt, die ihr das eigene Milieu der Pariser gehobenen Boheme wie ein Schicksal wieder zuweist.

Dieser Moment ist wichtig, denn Isabelle soll ja nicht wie ein Opfer wirken, und die Geschlechterverhältnisse sollen - trotz der zahlreichen Männerfiguren, die nicht immer vollständig von Karikaturen zu unterscheiden sind - ja nicht einseitig auf eine Aufkündigung der Heterosexualität in Bausch und Bogen hinauslaufen. Isabelle ist keineswegs die unumschränkte emotionale Instanz. Sie lädt auch nicht zu jener negativen Identifikation ein, die sich in der lustvollen Kultivierung von Trash-Sex äußert, wie sie deutlich illusionslosere Frauentypen wie die ”cougars” zeigen. Die Isabelle von Juliette Binoche ist eine weiche, rezeptive Frau, die von ihren Männer verlangt, daß sie ”schon ein bisschen auf mich achtgeben” müssen.

Das eigentümliche Spannungsverhältnis, das ”Meine schöne innere Sonne” zur Ironie unterhält, spricht letztlich unbedingt für den Film. Und es wird in einer großartigen, langen Schlußszene auf die Spitze getrieben, in der Isabelle einen Mann trifft, der sich als Wahrsager gebärdet. Gerard Dépardieu spielt dieses schräge Orakel ganz aus der Spannung heraus, daß er selbst gern die Antwort auf die Fragen von Isabelle wäre, daß er sich aber nicht mehr sicher sein kann, ob er dafür auch geradestehen kann - so wird die Suche nach dem Menschen, mit dem sich das Gefühl einer ”relation fusionelle” einstellen könnte, zu einem unendlichen Aufschub. Juliette Binoche ist in dieser Szene schöner denn je, aber sie sitzt eben auch einem Mann gegenüber, dessen Eros im Lauf der Jahre ein wenig monströs geworden ist. Das mag man als Befund für die Beziehungen zwischen Männern und Frauen im heutigen Frankreich vielleicht nicht verallgemeinern wollen, es hat in ”Meine schöne innere Sonne” aber eindeutig etwas von einer Korrektur an einer Mythologie: Frankreich ist in Liebesdingen vielleicht gar nicht (mehr) Avantgarde, sondern ganz normal kompliziert.

Bert Rebhandl: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Gérard Depardieu als Wahrsager

[...] Si l’on est si ému par le film, c’est que cette approche de l’état amoureux, relativement inédite au cinéma, touche juste. A la faveur de l’alchimie créée par Claire Denis entre le travail d’écriture, celui de la lumière et celui des acteurs, elle exprime, comme seules le font les grandes œuvres d’art, une vérité saisissante. Il faut rendre hommage à Juliette Binoche qu’on n’a jamais vue si légère, si simple, vulnérable, disponible. Baigné dans la lumière céleste d’Agnès Godard, son visage est comme un palimpseste où se chassent les affects, reflets d’un ciel changeant sur un beau paysage.

Rendons grâce aussi à ceux qui lui donnent la réplique. En jouant chacun sa partition, à la fois outrancière et plus vraie que nature, ils lui offrent le plus beau terrain de jeu dont une actrice puisse rêver. Avec Xavier Beauvois en banquier hédoniste et cynique, Philippe Katerine en grand bourgeois excentrique, Nicolas Duvauchelle en acteur de théâtre alcoolique, Laurent Grévill en ex-mari tentant une reconquête, Bruno Podalydès en galeriste anesthésié par son ethos bourgeois, Josiane Balasko en galeriste dévorée par sa volonté de puissance, Paul Blain en homme du peuple tendre et fataliste, Alex Descas en conservateur de musée plein de mystère, Gérard Depardieu en diseur de bonne aventure...

Isabelle pleure. Elle se prend des claques, voit ses élans brisés à répétition. „Ça ne marchera plus jamais”, dit-elle à une de ses amies. Un beau soleil intérieur pourrait être un film triste s’il ne rayonnait d’une vitalité si puissante.

Dès lors que l’on considère les échecs du personnage comme ceux d’une femme qui ne veut rien céder sur son désir, et sa tristesse comme le symptôme d’une lucidité active, on pourrait même dire qu’il est souterrainement joyeux. Jolie, sexy, intelligente, drôle, reconnue dans son travail, Isabelle est forcée d’admettre qu’à 50 ans et des poussières, en vivant correctement, mais dans une précarité relative, l’ordre des choses lui est de plus en plus hostile.


Juliette Binoche trägt in jeder Szene ein tief ausgeschnittenes altes T-Shirt, manchmal eine knappe Lederjacke drüber.

Alors qu’elle menace de mettre un terme à leur relation s’il ne lui témoigne pas plus de considération, le banquier Beauvois lui répond, dans un sourire carnassier, sarcastique à souhait: „Mais qu’est-ce que c’est ça? La dictature du prolétariat?!” La polysémie perverse de cette saillie qui réinscrit sur le mode de la blague les rapports des amants dans la structure globale des rapports de sexe et de classe aurait de quoi faire chanceler. Et Isabelle chancelle. Mais elle fait son match, remonte en selle chaque fois qu’on la met à terre, s’interroge sur „les vertus de l’échec”, pour reprendre le titre, cruellement ironique, du livre qui traîne sur sa table basse, cède à la révolte quand l’assurance confite des petits potentats de l’art contemporain qu’elle fréquente lui monte un peu trop fort au nez.

De cette réalité qui souligne l’inégalité entre les hommes et les femmes face à l’âge, au pouvoir, à l’argent, Angot et Denis tirent des situations cocasses, pleines d’autodérision, ciselées par des dialogues exquis qu’on sent - et on peut faire confiance à l’auteur de L’Inceste pour cela sculptés dans la chair du réel.

Des larmes qui jaillissent sur le visage de Binoche aux sourires alternativement incrédule, enfantin, ironique qui viennent aussitôt les balayer, le film glisse, comme il glisse d’un amant à l’autre, d’un sentiment à l’autre. „And life is like a song”, chante Etta James sur la piste d’une boîte de nuit de province, où Isabelle tombe dans les bras d’un inconnu. La vie est une chanson. C’est la beauté du personnage que de le savoir. Sa victoire.

Isabelle Regnier: Le Monde